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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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sexuelle Dimension zu.114 „Es war eine verbotene, aber trotzdem schöne Lie-
be“, erinnert sich die ehemalige Freundin eines US-Besatzungssoldaten.115
2.1 Wechselseitige Attraktivität
Im Mai 1945 befanden sich etwa 700.000 alliierte Besatzungssoldaten in Öster-
reich, darunter rund 400.000 Rotarmisten. Für Herbst 1945 schätzt man ihre
Gesamtstärke auf 180.000 bis 200.000116 sowjetische, 75.000 britische, 70.000
amerikanische und 40.000 französische Armeeangehörige.117 Zehn Jahre
später waren noch mehr als 50.000 sowjetische Soldaten, Familienangehöri-
ge und Angestellte der Armee in Ostösterreich stationiert.118 Diesem aus der
Situation heraus besonders „frauenhungrigen“ Männerpotenzial im besten
Alter stand ein eklatanter Männermangel der sogenannten leistungsfähigen
Jahrgänge gegenüber: 380.000 österreichische Männer waren von den euro-
päischen Schlachtfeldern nicht heimgekehrt. Dazu kommen der Blutzoll der
vom NS-Regime in Gefängnissen und Konzentrationslagern ermordeten Ös-
terreicher sowie die Hunderttausenden österreichischen Kriegsgefangenen,
über deren Schicksal Familienangehörige jahrelang nichts Genaues wussten.
Noch 1948 rechnete man laut „Wiener Wochenpost“ auf 100 österreichische
Frauen durchschnittlich 70 Männer. Schon allein diese zahlenmäßige Diskre-
panz lässt den sozialen und psychischen Konfliktstoff der Nachkriegsjahre
erahnen.119 Auch auf die Besatzungssoldaten in Österreich traf zumindest teil-
weise die Charakterisierung amerikanischer GIs zu, die während des Zwei-
ten Weltkrieges in Großbritannien stationiert waren: „overpaid, over-fed,
over-sexed and over here“.120
114 Bauer, „Besatzungsbräute“, S. 265.
115 Gertrud Kantor, „Egal, welcher Nation er angehört“, in: Toni Distelberger (Hg.), Von der Liebe
erzählen. Sechs Lebensgeschichten von Frauen. Wien – Köln – Weimar 2011, S. 71–115, hier: 109.
116 Rauchensteiner, Nachkriegsösterreich, S. 420.
117 Berger – Holler, Trümmerfrauen, S. 174.
118 CAMO, F. 275, op. 140920s, d. 7, S. 145–156, Bericht des Oberkommandos der CGV an den Chef des
Generalstabes, Sokolovskij, und den Chef des Hauptstabes der Landstreitkräfte, Malandin, über
den Abzug der sowjetischen Truppen aus Österreich, 24.9.1955. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-
Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 188.
119 Berger – Holler, Trümmerfrauen, S. 174; Siegfried Mattl, Frauen in Österreich nach 1945, in: Rudolf
G. Ardelt – Wolfgang J. A. Huber – Anton Staudinger (Hg.), Unterdrückung und Emanzipation.
Festschrift für Erika Weinzierl. Zum 60. Geburtstag. Wien – Salzburg 1985, S. 101–126, hier: S. 110.
120 Die amerikanischen GIs trugen diese durch den britischen Komiker Tommy Trinder popularisierte
Charakterisierung mit Humor und beschrieben ihrerseits die Briten als „underpaid, under-sexed
and under Eisenhower“. Sabine Lee, Kinder amerikanischer Soldaten in Europa: ein Vergleich der
Situation britischer und deutscher Kinder, in: Historical Social Research. Bd. 34. 2009/3, S. 321–351,
hier: S. 322. Vgl. hierzu auch David Reynolds exzellente Sozialgeschichte amerikanischer GIs in
Großbritannien: David Reynolds, Rich Relations. The American Occupation of Britain 1942–1945.
London 2000.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918