Seite - 502 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 502 -
Text der Seite - 502 -
II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
502
Besatzungssoldaten schwer, mit „klassischen“ Luxus- und Mangelgütern
aufzuwarten: Cadbury-Schokolade, Kaugummi oder Nylons standen ihnen
kaum zur Verfügung. Ausgenommen davon war die dünne Schicht der Offi-
ziere, die über die Kostbarkeiten der Macht, also Papiere, Passierscheine oder
etwa Reisebewilligungen, sowie über eine größere Auswahl an Lebensmit-
teln, Zigaretten, Tabak und Schnaps verfügten.126 Jedoch waren, wie die Er-
innerungen von Romana Steinmetz zeigen, bereits Grundnahrungsmittel wie
Brot und Kartoffeln begehrte Güter, von denen die ganze Familie profitierte.
Die Grenze zwischen einer rein erotisch-sexuellen und zumindest auch mate-
rialistisch-dialektischen (Liebes-)Beziehung war daher nicht immer eindeutig
zu ziehen.127
Diese – teilweise in zweierlei Hinsicht – Leben spendende Funktion er-
wähnt ebenso Eleonore Dupuis, die im April 1946 in St. Pölten als „Besat-
zungskind“ auf die Welt kam. Ihre Mutter war durch einen Autounfall ver-
witwet, weswegen auch sie sich in keiner aufrechten Beziehung befand und
sich allein um die Versorgung ihrer Familie kümmern musste: „Außerdem
hat mir meine Mutter erzählt, es war im Sommer, sie war im Garten. Es war ja
damals eine sehr schwere Zeit, und zum Glück haben sie den Garten gehabt.
Es waren von der Familie damals nur noch meine Mutter und meine Schwes-
ter am Leben, sonst niemand mehr. […] Zwei russische Soldaten sind damals
vorbeigekommen und haben so übers Gartentor zu reden angefangen. Ir-
gendwie waren sie ihnen sympathisch, und sie haben Brot mitgebracht, das
nächste Mal haben sie gleich Brot mitgebracht. Das war meiner Mutter in so
guter Erinnerung, dass sie immer Brot mitgebracht haben, denn das hat es ja
damals nur auf Marken gegeben. Es war sicher eine schlechte Zeit. Angeblich
hat er ihr auch angetragen, ihr bei der Gartenarbeit zu helfen. Wahrscheinlich
ist mein Vater, also der eine Soldat, öfter zurückgekommen. Meine Schwes-
ter dürfte zu der Zeit – wir haben das zu rekonstruieren versucht, aber sie
kann sich nicht mehr ganz genau erinnern – auf Erholungsurlaub verschickt
worden sein, nach dem Kriegsende. Sie war auch sehr schlecht beisammen,
unterernährt, ist also auf Erholung gekommen. Das war wahrscheinlich die
Gelegenheit, wo ich gezeugt worden bin. Man kann also sagen: Juli 1945.“128
Neben dem rein physischen Hunger herrschten ein großer Lebenshunger
und der Wunsch vor, sich möglichst unbeschwert zu unterhalten.129 Dieses
Bedürfnis korrespondierte vielfach ideal mit den Vorstellungen der Besat-
126 Berger – Holler, Trümmerfrauen, S. 178.
127 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 431.
128 OHI, Eleonore Dupuis. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Wien 27.9.2002.
129 Bauer – Huber, Sexual Encounters across (Former) Enemy Borderlines, S. 72.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918