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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Nach den harten Jahren des Krieges verspürten viele der Besatzungssol-
daten das Bedürfnis, vergleichsweise unbeschwert zu leben und zu lieben.
Die Stationierung in Österreich empfanden sie bis zu einem gewissen Grad
als eine Phase der Erholung. Romantische Liebesgeschichten bildeten dabei
einen fixen Bestandteil der Nachkriegszeit. Frühling in Wien, Sonne, blü-
hende Bäume, schöne Mädchen und Musik verdichteten sich zu einer engen
Assoziationskette, erfüllt von der Freude, den Krieg überlebt zu haben.140
Der Einsatz in Österreich wird gerade rückblickend in der Tradition der
„Kavalierstour“ nostalgisch verklärt, zumal es sich meist um den einzigen
Auslandsaufenthalt ihres Lebens handelte.141 Durch den Krieg hatten viele
der jungen Männer das „normale“ Prozedere von Verliebtheit und dem Sam-
meln erster sexueller Erfahrungen versäumt. Nun wollten sie das Verpass-
te sowohl auf einer romantischen als auch auf einer physiologischen Ebene
nachholen.142
Der ehemalige Frontkämpfer Egor Isaev, der in Wien in der Redaktion der
Zeitung für die Zentrale Gruppe der Streitkräfte „Za čest’ Rodiny“ arbeitete,
erinnert sich in diesem Zusammenhang: „Wir wollten tanzen, waren jung.
Denn ich war frei, frei. Überhaupt, Liebe und Dienst, das ist etwas Ernstes.“
Nochmals betont er: „Ich habe gute Laune, ich bin jung, schön und bis zu ei-
nem gewissen Grad frei. […] Wir sind Sieger, Sieger.“ Gerade die jungen Offi-
ziere waren noch ungebunden oder hatten ihre Partnerin in der Sowjetunion
zurücklassen müssen. Neben dieser privaten Freiheit hebt Isaev bezeichnen-
derweise seine Rolle als „Sieger“ hervor, die ihm – und anderen Besatzungs-
soldaten – ein besonders selbstbewusstes Auftreten erlaubte.143
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Vergleich, den er
zwischen den vier Besatzungsmächten zieht. Obwohl die Rotarmisten am
schlechtesten ausgestattet waren, erfreuten sie sich, so seine Einschätzung,
trotzdem bei den Frauen großer Beliebtheit: „Wir hatten keine Uniformen aus
Wolle. Wir trugen ausgewaschene Feldblusen. Sieger! In abgetragenen Stie-
feln. […] Der Amerikaner – ganz in Wolle. Und alles glänzt. Der Franzose,
nun die Franzosen waren etwas bescheidener – ganz in schwarzem Tuch. Sie
hatten schwarze Barette. Der Engländer – sie trugen Tuch. Und alle sind sie
so geschniegelt. […] Aber alle unsere Offiziere, wir alle, wer konnte, hatten
140 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 436.
141 Jan Foitzik, Russischer Soldatenalltag in Deutschland 1945–1994, in: Margot Blank (Hg.), Russischer
Soldatenalltag in Deutschland. 1990–1994. Bilder des Militärfotografen Wladimir Borissow. Byt ros-
sijskich soldat v Germanii. Snimki voennogo fotografa Vladimira Borisova. Berlin 2008, S. 14–31,
hier: S. 14.
142 Budnitskii, Germany, 1945, trough the Eyes of Soviet Intellectuals, S. 40.
143 OHI, Egor Isaev. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau. 19.1.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918