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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 506 Nach den harten Jahren des Krieges verspürten viele der Besatzungssol- daten das Bedürfnis, vergleichsweise unbeschwert zu leben und zu lieben. Die Stationierung in Österreich empfanden sie bis zu einem gewissen Grad als eine Phase der Erholung. Romantische Liebesgeschichten bildeten dabei einen fixen Bestandteil der Nachkriegszeit. Frühling in Wien, Sonne, blü- hende Bäume, schöne Mädchen und Musik verdichteten sich zu einer engen Assoziationskette, erfüllt von der Freude, den Krieg überlebt zu haben.140 Der Einsatz in Österreich wird gerade rückblickend in der Tradition der „Kavalierstour“ nostalgisch verklärt, zumal es sich meist um den einzigen Auslandsaufenthalt ihres Lebens handelte.141 Durch den Krieg hatten viele der jungen Männer das „normale“ Prozedere von Verliebtheit und dem Sam- meln erster sexueller Erfahrungen versäumt. Nun wollten sie das Verpass- te sowohl auf einer romantischen als auch auf einer physiologischen Ebene nachholen.142 Der ehemalige Frontkämpfer Egor Isaev, der in Wien in der Redaktion der Zeitung für die Zentrale Gruppe der Streitkräfte „Za čest’ Rodiny“ arbeitete, erinnert sich in diesem Zusammenhang: „Wir wollten tanzen, waren jung. Denn ich war frei, frei. Überhaupt, Liebe und Dienst, das ist etwas Ernstes.“ Nochmals betont er: „Ich habe gute Laune, ich bin jung, schön und bis zu ei- nem gewissen Grad frei. […] Wir sind Sieger, Sieger.“ Gerade die jungen Offi- ziere waren noch ungebunden oder hatten ihre Partnerin in der Sowjetunion zurücklassen müssen. Neben dieser privaten Freiheit hebt Isaev bezeichnen- derweise seine Rolle als „Sieger“ hervor, die ihm – und anderen Besatzungs- soldaten – ein besonders selbstbewusstes Auftreten erlaubte.143 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Vergleich, den er zwischen den vier Besatzungsmächten zieht. Obwohl die Rotarmisten am schlechtesten ausgestattet waren, erfreuten sie sich, so seine Einschätzung, trotzdem bei den Frauen großer Beliebtheit: „Wir hatten keine Uniformen aus Wolle. Wir trugen ausgewaschene Feldblusen. Sieger! In abgetragenen Stie- feln. […] Der Amerikaner – ganz in Wolle. Und alles glänzt. Der Franzose, nun die Franzosen waren etwas bescheidener – ganz in schwarzem Tuch. Sie hatten schwarze Barette. Der Engländer – sie trugen Tuch. Und alle sind sie so geschniegelt. […] Aber alle unsere Offiziere, wir alle, wer konnte, hatten 140 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 436. 141 Jan Foitzik, Russischer Soldatenalltag in Deutschland 1945–1994, in: Margot Blank (Hg.), Russischer Soldatenalltag in Deutschland. 1990–1994. Bilder des Militärfotografen Wladimir Borissow. Byt ros- sijskich soldat v Germanii. Snimki voennogo fotografa Vladimira Borisova. Berlin 2008, S. 14–31, hier: S. 14. 142 Budnitskii, Germany, 1945, trough the Eyes of Soviet Intellectuals, S. 40. 143 OHI, Egor Isaev. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau. 19.1.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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