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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 507 -
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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 507 eine österreichische Freundin.“144 Auch er erlebte hier „seine erste Liebe“ und kam „völlig unerwartet mit Europa“ in Berührung. Wien ist in seiner Erinne- rung ein Synonym für „Frühling, Musik und Liebe“.145 Ähnlich lauten die Reminiszenzen von Aleksandr Orlov, der gleichfalls in Österreich seine erste Liebesbeziehung – mit der Tochter seines Quartierge- bers – einging: „Die Bevölkerung war freundlich zu uns. Und das Wichtigste: es war Frühling, April. Wir waren alle jung, 18 bis 19 Jahre alt. Wir fühlten, dass der Krieg zu Ende geht, dass wir diesen Fleischwolf überlebt hatten. Obwohl natürlich viele ums Leben gekommen waren in diesem Krieg. Und dann blüht alles. Aus allen Fenstern [kommt] Musik.“146 Aus Sicht der Besatzer, insbesondere der höheren Ränge, stellten Liebes- beziehungen zu einheimischen Frauen eher die Norm als die Ausnahme dar. Sie boten, gerade auch den jungen Besatzungsangehörigen, die Möglichkeit, erste sexuelle Erfahrungen zu sammeln: „Alle hatten diese Beziehungen. All diese Mädchen, sie haben nicht einfach so ... Sie hatten Offiziere als Freunde. Solche dauerhaften Freunde. Es gab keine Konflikte, keine Strafen“, erinnert sich ein ehemaliger sowjetischer Militärangehöriger. Auffallend ist hier die Betonung der Beziehungen mit Offizieren, die bessere wirtschaftliche Mög- lichkeiten und mehr Freiräume hatten als einfache Soldaten. Mitunter vermit- teln die Zeitzeugen den Eindruck, die Österreicherinnen wären ihnen richtig „nachgelaufen“. Hier klingt jene Frauenverachtung durch, die schon an der Front geherrscht hatte. Zum Teil waren sich die Rotarmisten bewusst, dass sich ihnen österrei- chische Frauen nicht nur aus reiner Zuneigung und Sympathie näherten. So deutete der ehemalige sowjetische Besatzungssoldat in Österreich, Konstan- tin Arcinovič, auf die Frage nach österreichischen Mädchen auf eine Fotogra- fie mit zwei Rotarmisten und drei Österreicherinnen und antwortete: „Das ist das Mädchen, da am Rand. Wir bekamen Decken, solche Armeedecken. Sie fragte mich: ‚Ich mache daraus einen Mantel‘, sagte sie. Aus zwei Decken ei- nen Mantel. Und ich gab ihr diese Decken, damit sie sich daraus einen Mantel nähen konnte. Bei ihnen schaute es schlecht aus mit all diesen Sachen. Aber vielleicht haben sie auch, weil wir sie dort verköstigt haben.“ Anschließend an diese Überlegung schildert der ehemalige Rotarmist, wie er zu Silvester 1945 eine Gans kaufen und im Haus einer Österreicherin zubereiten lassen konnte: „Ich bringe die Kartoffeln herein und sie, verdammt noch mal, haben 144 Ebd. 145 OHI, Isaev. Durchgeführt von Stelzl-Marx. Siehe dazu auch das Kapitel C.III.2 „Mündliche Erinne- rung: Topoi und Tabu“ in diesem Band. 146 OHI, Aleksandr Orlov. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 19.1.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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