Seite - 508 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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die ganze, ganze Gans aufgegessen. Ja, diese Mädchen, und lachen dazu. Mir
haben sie nur ein kleines Stück aufgehoben.“147
Wenig überraschend zeigten sich die Ehefrauen sowjetischer Offiziere und
Soldaten über derartige Verbindungen nicht erfreut. Viele blieben in der Sow-
jetunion zurück, von wo aus sie ihre Männer kaum unter Kontrolle hatten.
Lediglich Offiziere konnten ihre Familien nach Österreich nachkommen las-
sen. Bereits der Krieg hatte viele Ehen auf eine harte Probe gestellt. Zur ört-
lichen Trennung und Entfremdung durch die jeweiligen Erfahrungen waren
häufig noch Untreue bzw. der Verdacht darauf gekommen. Viele hatten im
Krieg – dieser „Zeit des Todes und der Liebe“ – tatsächlich Affären gehabt.
Manche Offiziere und Generäle waren auf ihren Feldzügen von Frauen beglei-
tet worden, die in der Armee „pochodno-polevye ženy“ („Feldgefährtinnen“
bzw. wörtlich „Feldehefrauen“) hießen. Als „PPŽ“ ähnlich abgekürzt wie die
sowjetischen Maschinenpistolen „PPD“ oder „PPŠ“ war ihr Ansehen in der
weitestgehend frauenverachtenden Männerwelt der Armee gering gewesen.148
Doch auch weibliche Armeeangehörige hatten die „Feldgefährtinnen“ ih-
rer Vorgesetzten mitunter argwöhnisch betrachtet. „Was ist so eine PPŽ? Sie
wurde voll verpflegt. Sie hatte Chromstiefel, sie ging nicht zu Fuß, sie fuhr im
Auto, sie war hervorragend gekleidet, sie war in so einer Form, während wir:
einfache Stiefel, ein normaler Militärmantel, Kappe oder Barett im Sommer,
gingen zu Fuß. […] Diese PPŽ waren in einer bevorzugten Position.“149 Aller-
dings waren Soldatinnen selbst oft diskriminiert worden: Wenn Frauen den
begehrten Orden „Za boevye zaslugi“ („Für militärische Dienste“) erhalten
hatten, hatte dies mitunter die Spöttelei „Za polevye zaslugi“ („Für sexuelle
Dienste“) nach sich gezogen.150
In Friedenszeiten waren nun die Möglichkeiten für Affären umso größer,
zumal sich die „westlichen Mädchen“ den sowjetischen „Befreiern“ an den
Hals zu werfen schienen. Zugleich befürchteten die Frauen in der Sowjet-
union, sie könnten eventuell den „eleganten, kultivierten Fräulein“ aus dem
Westen nicht das Wasser reichen. Deswegen waren manche von ihnen noch
eifersüchtig, als ihre (zum Teil erst späteren) Männer schon längst wieder zu
Hause waren. Wie viele Ehen und Verlobungen als Folge der Besatzung zer-
brachen, ist nicht bekannt. Doch ist ihre Zahl sicher nicht zu unterschätzen.
Auch das umgekehrte Phänomen konnte eintreten, wenngleich es sehr viel
seltener vorkam. So ist etwa aus Bruck an der Leitha der Fall einer Offiziers-
147 OHI, Arcinovič. Zit. nach: Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 437.
148 Merridale, Iwans Krieg, S. 206, 265–268.
149 OHI, Valentina Kurilina. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Moskau 15.6.2006.
150 Merridale, Iwans Krieg, S. 206, 265–268.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918