Seite - 515 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 515
Besatzungssoldat gewesen war. Sie wollte ihn und sich vor etwaigen Nachtei-
len, die ein Bekanntwerden mit sich bringen konnte, schützen.
In anderen Fällen wurde lediglich die engste Familie eingeweiht. Monika
G. aus Baden erinnert sich, wie ihre Mutter, Berta P., ihr als Kind immer wie-
der einbläute: „Sag das niemand. Sag nur, Vater ist gestorben.“ Ihre Mutter
arbeitete in der Küche der sowjetischen Kommandantur in Baden, wodurch
sie den Adjutanten des Generals, Nikolaj Naribov, kennenlernte. Die beiden
planten, mit ihrer gemeinsamen Tochter in die USA auszuwandern, doch
verunglückte Naribov kurz davor bei einem Autounfall. Monika G. rätselt,
ob es sich dabei um Mord gehandelt haben könnte. Ihre österreichischen Ver-
wandten hätten den sowjetischen Offizier sehr gern gemocht, auch weil er sie
immer beschützt habe. Doch Außenstehenden erzählte die Familie nichts von
der Beziehung, um Diskriminierung zu vermeiden.174
Offene Ablehnung hatte Berta P. hingegen durch die Kameraden Nari-
bovs erfahren. Man gestattete ihr nicht, mit der einjährigen Tochter seinem
Begräbnis auf dem sowjetischen Friedhof in Baden beizuwohnen. Sämtliche
Gegenstände, die Berta P. von Nikolaj Naribov besaß, musste sie der sowje-
tischen Besatzungsmacht übergeben.175 Ob man sie aus sowjetischer Sicht für
den Tod des Offiziers verantwortlich machte oder ob seine Desertionspläne
durchgedrungen waren, bleibt offen.
2.2.3 Ablehnung durch die Familie
Häufig war aber auch die eigene Familie gegen die Verbindung zu einem
Besatzungssoldaten und versuchte, die Tochter zu „retten“. So zerriss etwa
der Vater einer Wienerin, die eineinhalb Jahre mit einem sowjetischen Be-
satzungssoldaten befreundet gewesen war und von diesem ein Kind auf die
Welt gebracht hatte, den Zettel, auf dem sie seine Heimatadresse notiert hat-
te. Nach seiner Versetzung in die UdSSR sollte kein weiterer Kontakt mehr
möglich sein.176 Auch die Wienerin Ingeborg Walla-Grom erinnert sich: „Papa
zerstörte unser Glück! Er wollte mich nicht an Russland verlieren und viel
später erfuhr ich, warum ich plötzlich, grundlos von Iwan verlassen wurde:
Er hatte ihm gesagt: Ira bolnoi! Geschlechtskrank! Das war eine Lüge! War
entsetzlich unglücklich, Iwan war wie vom Erdboden verschluckt. Musste
ihm doch sagen, dass es nicht wahr ist! Was mir Papa angetan hat!“177
174 Monika G., Freundliche Auskunft.
175 Ebd.
176 Sonja D., Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Deutsch-Wagram 23.8.2005.
177 Ingeborg Walla-Grom, Brief an die Russische Botschaft Wien. Zit. nach: Stelzl-Marx, Freier und
Befreier, S. 435.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918