Seite - 516 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Walla-Grom litt darunter, dass ihre glückliche Beziehung „durch die
furchtbare Lüge des Vaters“ ein so abruptes Ende gefunden hatte und sie
trotz zahlreicher Versuche nie die Chance bekommen sollte, „diese Unwahr-
heit aus der Welt schaffen zu können“. Im April 2007 gelang es mithilfe der
russischen Fernsehsendung „Ždi menja“ („Warte auf mich“), Verwandte des
einstigen Besatzungssoldaten ausfindig zu machen, er selbst war allerdings
bereits 1981 verstorben. Walla-Grom meinte dazu: „Jetzt habe ich Gewissheit.
Schade, dass es so gekommen war.“178
Interessanterweise zeigte sich, dass ihr damaliger Freund nicht „Ivan“,
sondern „Aleksandr“ geheißen hatte. Er hatte ihr – eventuell als Vorsichts-
maßnahme – jenen Vornamen genannt, der als Synonym für Rotarmisten
galt. Eine indirekte Bestätigung dieser Vorgehensweise liefert der ehemali-
ge Agitator der Politabteilung der 80. Garde-Schützen-Division Ivan Roščin,
der gegenüber seiner österreichischen Quartiergeberin als Vornamen „Alek-
sandr“ angegeben hatte: „Ich nannte ‚Aleksandr‘ als meinen Vornamen. Nun,
es empfahl sich damals, nicht zu zeigen, wer du bist.“179
„Eine schöne Zeit mit einem schlechten Ende“ musste auch Eleonore H. er-
leben. Ihr Freund, Oberleutnant Fedor Toľstich, wollte sich von ihr verabschie-
den, als er unverhofft versetzt wurde. Doch ihre eigene Schwester verriet ihm
nicht, wo sich Eleonore H. gerade aufhielt. Toľstich zog ab, ohne seine Adresse
hinterlassen zu können. Sämtliche Fotos wurden später von der Bauernfamilie
zerstört, bei der die damals 23-Jährige arbeitete. Zu Weihnachten 1946 brachte
sie einen Sohn auf die Welt, dem sie bis heute nicht die Wahrheit über seinen
Vater sagte. Der Grund dafür: „Man kriegt so eine schlechte Nachrede.“180
Auch im Fall von Therese S. lehnte die eigene Familie das Verhältnis mit
dem sowjetischen Besatzungssoldaten vehement ab. Sie versuchte sogar, die
damals erst 17-Jährige „mit jemanden, der recht hässlich und unsympathisch
war, zu verheiraten, nur dass sie möglichst rasch unter die Haube kommt“,
erinnert sich ihre 1948 geborene Tochter Vera. Als Reaktion darauf verließ
die Frau in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ das Heimatdorf im Burgenland,
zog mit ihrem russischen Freund, Nikolaj Sidorov, in eine sowjetische Kaser-
ne nach Niederösterreich und brach für beinahe fünf Jahre jeglichen Kontakt
zu ihrem Elternhaus ab. Erst als der Besatzungssoldat 1950 aus Österreich
abgezogen wurde, kehrte die Frau gemeinsam mit ihrer Tochter nach Hause
zurück. Sie erhielt noch eine Zeit lang zensurierte Briefe, Telegramme und
sogenannte Liebesgabenpakete aus der Sowjetunion, dann brach der Kontakt
178 Ingeborg Walla-Grom, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Wien 16.5.2007.
179 OHI, Ivan Roščin. Durchgeführt von Dar’ja Gorčakova. Moskau 11.10.2003.
180 Eleonore H., Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Wien 2.4.2007.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918