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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Liebe spielten. Aber das wurde nicht empfohlen. Und ich – umso mehr. Ich
war ja als Kommunist dort! So. Ich musste den anderen ein Beispiel tadello-
sen Verhaltens geben.“190
Der Kreml fürchtete Ausländerinnen als „epidemiologische Waffe“ in
den Händen des „Feindes“, die über die Infektion mit Geschlechtskrank-
heiten Moral und Kampfkraft sowjetischer Militärangehöriger schwächen
würden. Man sah die Frauen aber auch als gefährliche Werkzeuge westli-
cher Geheimdienste, da sie „undercover“ Militär- und Staatsgeheimnisse
ausspionieren sowie Rotarmisten zum Überlaufen bewegen konnten.191 Ein
Oberleutnant der 4. Garde-Armee wurde etwa zu fünf Tagen Hausarrest mit
einer Geldstrafe verurteilt, da er im Beisein einer „unbefugten“ Frau eine
Dienstbesprechung durchgeführt und mit ihr die Unterabteilungen der Divi-
sion einen Tag lang aufgesucht hatte. Sein Verhalten wertete man als äußerst
„unvorsichtig“.192
Doch auch ohne Spionageabsicht verführten die Frauen – so die interne
Einschätzung – sowjetische Armeeangehörige zu schwerwiegenden Verge-
hen wie Desertion und Vaterlandsverrat, etwa indem sie ihnen Unterschlupf
gewährten oder sie ermunterten, gemeinsam in den Westen zu emigrieren. So
beobachtete der NKVD im Sommer 1945 „zahlreiche Fälle, in denen Angehö-
rige der Roten Armee aus ihren Einheiten desertieren, in Österreich wohnhaft
bleiben und österreichische Frauen heiraten“ würden.193 Ein besonders hoher
Anteil von Fällen unerlaubten Entfernens von der Truppe ging laut NKVD
ebenfalls auf Verbindungen zu einheimischen Frauen zurück.194 Auch jene
Rotarmisten, die aus Militärspitälern geflohen und ihre Dokumente entspre-
chend gefälscht hatten, unterhielten demnach Verbindungen zu österreichi-
schen Frauen, bei denen sie eine Zeit lang lebten.195
190 OHI, Roščin.
191 Siehe dazu auch das Kapitel B.II.1.4 „Die Honigfalle: Spionage, Sabotage und Verhaftung“ in die-
sem Band.
192 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 26, Befehl Nr. 0186 des Leiters des Stabes der 4.
Garde-Armee, Garde-Generalmajor Fomin, über Vorfälle des Verlusts an Vorsichtigkeit und der
Preisgabe des Militärgeheimnisses, 4.7.1945.
193 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 13, S. 1f., Operative Tagesmeldung des Kommandanten des 336. Grenz-
regiments der NKVD-Truppen, Oberstleutnant Martynov, und des Stabschefs, Major Buškov, an
den Chef der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov,
25.7.1945.
194 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 173–178, hier: S. 176, Bericht des Leiters der MVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Zimin-Kovalev, und des stv. Leiters der Politabteilung,
Oberstleutnant Gončarev, über den politisch-moralischen Zustand der Truppen, 26.7.1946.
195 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 13, S. 214f., Operative Tagesmeldung Nr. 00276 des Kommandeurs des
336. NKVD-Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Bevollmächtigten des Stabschefs,
Hauptmann Kasavčenko, an den Leiter der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV
und den Militärrat der 4. Garde-Armee, 4.10.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918