Seite - 525 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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3. Besatzungskinder
„Besatzungskinder – ein Weltproblem“ betitelte die „Arbeiter-Zeitung“ einen
Artikel vom November 1955 und erklärte: „Wo immer ausländische Solda-
ten – als Verbündete oder als Eroberer – mit der Bevölkerung eines Landes
Beziehungen anknüpfen, werden uneheliche Kinder geboren. Das war zur
Zeit der römischen Legionen so, und daran wird sich wohl noch lange nichts
ändern.“207 Den Anlass für diese Veröffentlichung bildeten „materielle Not“
und „moralische Schwierigkeiten“ in Form von Diskriminierung und Stigma-
tisierung, worunter „Mischlingskinder“ in Österreich litten. Dem leistete der
Artikel jedoch selbst durch die Betonung ihrer „Andersartigkeit“ Vorschub:
„Die kaffeebraune Lizzi aus Linz“, lautete die Zwischenüberschrift, und wei-
ter: „Lizzi wurde vor neun Jahren in Linz geboren; als Kind einer österreichi-
schen Mutter und eines farbigen Soldaten der Besatzungsmacht. Sie kam mit
allen Merkmalen eines Negerleins zur Welt: milchkaffeebraune Haut, große,
dunkle Kulleraugen und schwarzer Kräuselhaarschopf. Ihre Mutter hat sie
nie gekannt.“208
In allen vier Zonen Österreichs kamen sogenannte „Besatzungskinder“
auf die Welt: als Folge freiwilliger sexueller Beziehungen zwischen einhei-
mischen Frauen und Besatzungsangehörigen, aber auch als Folge von Ver-
gewaltigungen. Sie galten als „Kinder des Feindes“,209 obwohl die Väter de
jure keine Feinde mehr waren, und waren meist unterschiedlichen Formen
von Diskriminierung ausgesetzt. Ihre „Schande“ bestand nicht nur darin,
un- oder außerehelich geboren worden zu sein, sondern auch darin, den „fal-
schen“ Vater zu haben. So bildeten sie eine „ideale“ Angriffsfläche für ras-
sistische, ideologische und moralische Vorurteile. „Russenkind“ oder auch
„Russenbalg“ waren noch in den 1960er Jahren gebräuchliche Schimpfwör-
ter.210 Kinder von Besatzungssoldaten, die wahrscheinlich in allen besetzten
Ländern diffamiert werden, gelten schlechthin als „Besatzungsschaden“.211
Das Thema hat bis heute größte Aktualität. 212
Laut Angaben der einzelnen Bundesländer wurden zwischen 1946 und
1953 rund 8000 „Soldatenkinder“, wie ein zeitgenössischer Terminus laute-
te, geboren.213 Die Gesamtzahl dürfte allerdings bei mindestens 20.000 liegen.
207 Gertrud Srncik, Besatzungskinder – ein Weltproblem, in: Arbeiter-Zeitung, 3.11.1955, S. 5.
208 Ebd.
209 Marc Widmann – Mary Wiltenburg, Kinder des Feindes, in: Der Spiegel. 2006/52, S. 39–41.
210 Berger – Holler, Trümmerfrauen, S. 189; Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 441.
211 Drolshagen, Wer die Mutter verachtet, schikaniert ihr Kind, S. 156.
212 Vgl. etwa Ingvill C. Mochmann – Sabine Lee, The Human Rights of Children born of War: Case
Analyses of Past and Present conflicts, in: Historical Social Research. Bd. 35. 2010/3, S. 268–298.
213 Srncik, Besatzungskinder – ein Weltproblem, S. 5.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918