Seite - 529 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 529 -
Text der Seite - 529 -
3. Besatzungskinder 529
3.1 „Als Russenkind war ich das Letzte“
In ganz Österreich waren „Besatzungskinder“ diversen Formen von Stig-
matisierung und Diskriminierung ausgesetzt. Versteckte Anspielungen auf
ihr Aussehen oder ihr „Anderssein“ gehörten ebenso dazu wie Mobbing in
der Schule, offene Ablehnung seitens der Familie und Nachbarschaft oder
Prügeleien und Beschimpfungen. Viele litten darunter, nur wenig bis nichts
über ihren Vater zu wissen oder zu ahnen, dass er etwa einer der „verhass-
ten Russen“ war. Auch offizielle Stellen wie die Fürsorge betrachteten sie als
„Problem“. Für die breite Öffentlichkeit stellten die Betroffenen ein beliebtes
Versatzstück scheinmoralischer Entrüstung dar.231
Der Terminus „Russenkind“ war noch in den 1960er Jahren ein weitver-
breitetes Schimpfwort unter Jugendlichen und Kindern. Sie hatten diesen
Begriff von ihren Eltern als Synonym für etwas besonders Verachtenswertes
übernommen, vielfach ohne genau zu verstehen, welch schmerzhafte Beleidi-
gung dahintersteckte.232 So berichtet der im Februar 1947 geborene Ferdinand
Rieder, dass er als Sohn eines sowjetischen Soldaten in den Häusern seiner
Freunde unerwünscht war: „Als ‚Russenkind‘ war ich das Letzte. Die Eltern
meiner Freunde haben mich aus ihren Häusern hinausgejagt.“233 Die Gleich-
altrigen aus dem Dorf griffen das von Erwachsenen abwertend eingesetzte
Etikett „Russenkind“ auf und verwendeten es als Schimpfwort, erinnert sich
der Niederösterreicher: „Ich war in jungen Jahren im Streit mit Mitschülern
oder auch von Erwachsenen nicht selten als ‚Russenkind‘ tituliert worden.
Ich hatte auch schnell bemerkt, dass es sich dabei nicht um ein x-beliebiges
Schimpfwort handelte, sondern dass es speziell auf mich gemünzt war.“234
Zwei Gründe macht Rieder dafür verantwortlich, weswegen „die Russen“
– und somit auch sein Vater – im Ort insgesamt und im Elternhaus seiner
Mutter im Speziellen derart ungern gesehen waren: einerseits die Vergewalti-
gungen zu Kriegsende, andererseits der hohe Anteil an überzeugten „Nazis“.
In der kleinen Gemeinschaft des Dorfes, wo jeder jeden kannte und über alles
Bescheid wusste, übertrug sich das negative, von der NS-Propaganda gepräg-
te „Russenbild“ auf jene Frauen, die eine Beziehung mit einem Besatzungs-
soldaten eingingen. Folglich gingen die „Rassenschande“ und die „nationale
231 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 441.
232 Berger – Holler, Trümmerfrauen, S. 189.
233 Ferdinand Rieder, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Tulln 17.6.2004. Vgl. Stelzl-Marx,
Freier und Befreier, S. 441.
234 Anton Müllner – Ferdinand Rieder, Auf der Suche nach dem Vater. Eine berührende Geschichte,
erzählt von Anton Müllner und Ferdinand Rieder, in: Moosbierbaumer Dorfblatt’l. Unabhängige
Moosbierbaumer Dorfzeitung. 2007/27, S. 7–12.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918