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3. Besatzungskinder 533
nicht ihre rechtliche Lage. Neben der Stigmatisierung liegt eine weitere Ursa-
che hierfür im häufig schwierigen familiären Umfeld bzw. in der in Heimen
oder bei Pflegeeltern verbrachten Kindheit. Viele verspürten ein latentes bis
offenes Gefühl, im Grunde nicht erwünscht zu sein.
3.2 Kindheit bei Tanten und Pflegeeltern
Vielfach wuchsen „Besatzungskinder“ bei Großeltern, anderen Verwandten,
Pflege- oder Zieheltern oder in Heimen auf. Dies konnte etwa der Fall sein,
wenn die alleinstehende Mutter arbeiten ging oder der (spätere) Stiefvater
das Kind ablehnte. Manche sprechen sogar von Hass, der ihnen entgegen-
schlug. So kam etwa Anna E. nach der Rückkehr ihres Stiefvaters aus der
Kriegsgefangenschaft zu Pflegeeltern: „Wie mein [Stief-]Vater heimgekom-
men ist, hab ich fortmüssen. Er hat mich nicht mögen.“246 Fortan hatte sie eine
Ziehmutter, zu der sie „Mutter“ sagen musste, neben ihrer leiblichen Mutter,
die sie zur Unterscheidung „Rosl-Mutter“ nannte.247
Als „Tragik eines Besatzungskindes“ bezeichnete die „Arbeiter-Zeitung“
am 23. Jänner 1953 den Fall des sechsjährigen Anton Wesely. Er war kurz
zuvor tot neben seiner Pflegemutter Anna Sch. aufgefunden worden, die
Selbstmord begangen und das Kind mit in den Tod genommen hatte: „Und
sie starb mit dem Kind, weil sie befürchtete, dass sich nun niemand mehr
um den Buben, der sehr an ihr hing, kümmern werde. Sein Vater war ein
russischer Soldat, der längst nicht mehr in Österreich ist. Die Mutter wollte
von dem Kleinen nichts wissen. Anna Sch. hatte den kleinen Toni aus dem
Heim zu sich genommen und wie ihr eigenes Kind gehalten [sic!]“, führte die
Zeitung als Erklärung an.248
Seine Kindheit und Jugend verbrachte auch H. L. im Heim bzw. im SOS-
Kinderdorf. Als er zweieinhalb Jahre alt war, wurde seine Mutter, Ingeborg
Louzek, verhaftet, wenig später wegen Spionage und Beihilfe zum Vater-
landsverrat zum Tod verurteilt und im Jänner 1951 in Moskau hingerichtet.
Sein Vater, ein sowjetischer Besatzungssoldat, war bereits zuvor wegen Va-
terlandsverrats erschossen worden. Ab dem Zeitpunkt der Verhaftung seiner
Mutter kam H. L. in ein Heim in der amerikanischen Besatzungszone.249
Seine Großmutter mütterlicherseits, die in Wien lebte und offensichtlich
aus Angst, ihr drohe gleichfalls eine Verhaftung, nicht die Zonengrenze über-
246 OHI, Anna E.
247 Ebd.
248 Die Tragik eines Besatzungskindes, in: Arbeiter-Zeitung, 23.1.1953, S. 4.
249 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.6.7 „Bestrafung der Fluchthelfer“ in diesem Band; Stelzl-Marx,
Verschleppt und erschossen, S. 44f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918