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3. Besatzungskinder 537
Karl K., der aus der Verbindung mit einem in Allentsteig stationierten
sow
jetischen Offizier hervorgegangen war, wuchs gleichfalls aus wirtschaftli-
chen Gründen zunächst bei seiner Großmutter auf. Die Eheschließung seiner
Mutter entspannte die Notlage und ermöglichte seine Rückkehr. Allerdings
musste sich Karl K. erst wieder an seine Mutter gewöhnen: „Da ich in den
ersten Lebensjahren infolge des allgemeinen Nahrungsmangels schwach und
kränklich war und meine Mutter in einer Fabrik arbeitete, wurde ich größten-
teils von meiner Großmutter aufgezogen bzw. beaufsichtigt. Ich sagte daher
zu meiner Großmutter in meinen ersten drei Lebensjahren immer ‚Mama‘
und nannte meine Mutter bei ihrem Vornamen! Erst nach der Heirat sagte ich
zu meinen Eltern dann so nach und nach ‚Mama‘ und ‚Papa‘.“260
Ähnlich gestalteten sich die ersten Lebensjahre von Herbert Pils, geboren
im August 1946 in Gaflenz, Oberösterreich. „Meine Großmutter war eigent-
lich damals meine Mutter. Weil zu meiner Mutter haben sie ‚Rosi‘ gesagt. Ich
hab auch ‚Rosi‘ gesagt. Und wie wir dann weggezogen sind, von Gaflenz,
vom Bauernhof, das war schon hart, weil meine Oma praktisch die Mutter
war.“ Der Grund dafür war auch in diesem Fall die Eheschließung der Mutter
und der Umzug in die Steiermark.261
3.3 Mauer des Schweigens
„Mein Vater hat mit elf Jahren – durch Zufall – durch eine abfällige Bemer-
kung von einer der Schwestern meiner Großmutter von seiner Herkunft
erfahren. Mit seiner Mutter konnte er bis in die jüngste Vergangenheit sehr
schlecht über dieses Thema sprechen. Erst in letzter Zeit fallen ihr Details
zu dieser Zeit ein.“262 Diese Schilderung der Enkelin eines sowjetischen Be-
satzungssoldaten in Österreich verweist auf zwei besonders signifikante
Charakteristika des Umgangs mit „Besatzungskindern“: Auf der einen Sei-
te umgab sie vielfach innerhalb der eigenen Kernfamilie eine Mauer des
Schweigens. Der physisch absente Vater stellte ein Tabuthema dar, über das
aus Scham, Verletzung oder auch Respekt vor der Mutter – oft jahrzehnte-
lang – nicht gesprochen wurde. Andererseits erfuhren viele der Betroffenen
zufällig und auf eher unangenehme Weise von ihren Wurzeln, etwa durch
Anspielungen von Verwandten, Schulkameraden, Lehrern oder Nachbarn.
Häufig löste dies einen Schock aus.
260 Karl K., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 6.2.2006.
261 OHI, Herbert Pils. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Graz 16.2.2007.
262 Sabine D., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 6.10.2005.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918