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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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3. Besatzungskinder 541 Leichenschmaus bekannt: Die Mutter hatte versprochen, am Sterbebett „alles zu erzählen“, war dann allerdings nicht mehr dazu in der Lage. Erst beim Begräbnis brachen die älteren Verwandten das jahrzehntelange Schweigen.273 Doch auch jene „Besatzungskinder“, die prinzipiell über ihre Herkunft Be- scheid wissen, stoßen vielfach an eine beinahe undurchdringbare Mauer des Schweigens. Diese Tabuisierung kommt vor allem zum Tragen, wenn sich Nachkommen auf der Suche nach dem Vater oder Großvater an jede noch so spärliche Information klammern. Die „Suche nach den Wurzeln“ stellt für sie eine elementare Lebensfrage dar. 3.4 Suche nach den Vätern Während etliche Mütter die Erinnerungen an diese vielfach schmerzliche Erfahrung in ihrer Vergangenheit zu verdrängen suchen, beschäftigen sich wohl die meisten der betroffenen Kinder – mehr oder weniger intensiv – mit dem abwesenden Vater.274 Dabei ist das Bedürfnis, diese Lücken in der eige- nen Vita zu schließen, unabhängig davon, ob die Betroffenen eine „glückli- che“ Kindheit verbrachten, ob sie in einer liebevollen Familie oder in einem Heim aufwuchsen, Diskriminierung ausgesetzt waren, früh oder spät, direkt oder indirekt, zufällig oder durch die Erziehenden gelenkt von ihren Vätern erfuhren. Nur einige wenige der sowjetischen „Besatzungskinder“ lernten ihren Va- ter nach der Geburt kennen oder können sich noch an ihn erinnern. Spätes- tens mit dem Abzug aus Österreich verliert sich meist die Spur. Persönliche Kontakte zum Vater oder zu weiteren Angehörigen in der ehemaligen Sow- jetunion stellen daher eine große Ausnahme dar. Häufig wurden gerade im engsten Umfeld Techniken des Vergessens und Verdrängens praktiziert, die für die betroffenen Kinder eine zusätzliche Belastung darstellten. Umso stär- ker brachen in den vergangenen Jahren die stillschweigenden Erinnerungen auf, verstärkt durch den Wunsch, durch die Öffnung der Archive und das Ende des Kalten Krieges eine Spur in der ehemaligen Sowjetunion zu finden. Im Vordergrund stehen hier Fragen nach der eigenen Identität, nach den sprichwörtlichen „Wurzeln“, die nur zur Hälfte bekannt sind. Die Ungewiss- heit, wer der Vater war, welches Leben er führte, was für ein Mensch er war, wie er aussah und ob er gewisse Talente, Charaktereigenschaften oder auch Krankheiten weitervererbt hatte, empfinden etliche als belastend. Viele der 273 Rosa R., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 3.2.2006. 274 Bauer – Huber, Sexual Encounters across (Former) Enemy Borderlines, S. 90; Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 443–447; Brunnhofer, Liebesgeschichten und Heiratssachen, S. 44–82.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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