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3. Besatzungskinder 541
Leichenschmaus bekannt: Die Mutter hatte versprochen, am Sterbebett „alles
zu erzählen“, war dann allerdings nicht mehr dazu in der Lage. Erst beim
Begräbnis brachen die älteren Verwandten das jahrzehntelange Schweigen.273
Doch auch jene „Besatzungskinder“, die prinzipiell über ihre Herkunft Be-
scheid wissen, stoßen vielfach an eine beinahe undurchdringbare Mauer des
Schweigens. Diese Tabuisierung kommt vor allem zum Tragen, wenn sich
Nachkommen auf der Suche nach dem Vater oder Großvater an jede noch so
spärliche Information klammern. Die „Suche nach den Wurzeln“ stellt für sie
eine elementare Lebensfrage dar.
3.4 Suche nach den Vätern
Während etliche Mütter die Erinnerungen an diese vielfach schmerzliche
Erfahrung in ihrer Vergangenheit zu verdrängen suchen, beschäftigen sich
wohl die meisten der betroffenen Kinder – mehr oder weniger intensiv – mit
dem abwesenden Vater.274 Dabei ist das Bedürfnis, diese Lücken in der eige-
nen Vita zu schließen, unabhängig davon, ob die Betroffenen eine „glückli-
che“ Kindheit verbrachten, ob sie in einer liebevollen Familie oder in einem
Heim aufwuchsen, Diskriminierung ausgesetzt waren, früh oder spät, direkt
oder indirekt, zufällig oder durch die Erziehenden gelenkt von ihren Vätern
erfuhren.
Nur einige wenige der sowjetischen „Besatzungskinder“ lernten ihren Va-
ter nach der Geburt kennen oder können sich noch an ihn erinnern. Spätes-
tens mit dem Abzug aus Österreich verliert sich meist die Spur. Persönliche
Kontakte zum Vater oder zu weiteren Angehörigen in der ehemaligen Sow-
jetunion stellen daher eine große Ausnahme dar. Häufig wurden gerade im
engsten Umfeld Techniken des Vergessens und Verdrängens praktiziert, die
für die betroffenen Kinder eine zusätzliche Belastung darstellten. Umso stär-
ker brachen in den vergangenen Jahren die stillschweigenden Erinnerungen
auf, verstärkt durch den Wunsch, durch die Öffnung der Archive und das
Ende des Kalten Krieges eine Spur in der ehemaligen Sowjetunion zu finden.
Im Vordergrund stehen hier Fragen nach der eigenen Identität, nach den
sprichwörtlichen „Wurzeln“, die nur zur Hälfte bekannt sind. Die Ungewiss-
heit, wer der Vater war, welches Leben er führte, was für ein Mensch er war,
wie er aussah und ob er gewisse Talente, Charaktereigenschaften oder auch
Krankheiten weitervererbt hatte, empfinden etliche als belastend. Viele der
273 Rosa R., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 3.2.2006.
274 Bauer – Huber, Sexual Encounters across (Former) Enemy Borderlines, S. 90; Stelzl-Marx, Freier und
Befreier, S. 443–447; Brunnhofer, Liebesgeschichten und Heiratssachen, S. 44–82.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918