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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Daten ihres Vaters nur ungenau oder bruchstückhaft bekannt. Manchmal ist
– abgesehen von ungefähren Orts- und Zeitangaben der Stationierung in Ös-
terreich – lediglich ein russischer Vorname überliefert. In anderen Fällen fehlt
sogar dieser Hinweis. Leopold M. etwa fasst die Hinweise auf seinen Vater
folgendermaßen zusammen: „Was mir bekannt ist, ist, dass er anscheinend
ein großer, dunkler, russischer Offizier gewesen ist und in der Zeit März/
April 1946 im Schloss Pöchlarn, Niederösterreich, stationiert war.“284
Die wenigen ursprünglich bekannten Angaben gingen zudem vielfach
verloren, da das Thema entweder tabuisiert oder eine intensive Suche erst
ab der „Perestrojka“ Ende der 1980er Jahre aufgenommen wurde, als die
zentralen Auskunftspersonen nicht mehr am Leben waren. Bezeichnend für
diese Tabuisierung innerhalb der eigenen Familie und des Bekanntenkreises
ist die folgende Schilderung der 1947 in Wien geborenen Tochter eines sow-
jetischen Besatzungssoldaten: „Nun zu meinem Vater: Er war in den ersten
Nachkriegsjahren (wie lange, weiß ich aber nicht) als Angehöriger der Roten
Armee mit Dienstgrad Oberleutnant oder Hauptmann Korrespondent der
‚Russischen Militärzeitung‘ (früher Sitz der ‚Arbeiter-Zeitung‘ im 5. Wie-
ner Gemeindebezirk) und dürfte ca. 25 bis 26 Jahre alt gewesen sein. Seine
Heimatstadt war Kursk. Die Leute sprachen ihn mit ‚Ivan‘ an. Ich vermute,
dass dies sein Vorname war. Nach seiner Ablöse kam er nochmals nach Wien
und besuchte meine Mutter, da sie keinen seiner Briefe beantwortet hatte. Ich
war damals ein bis zwei Jahre alt. Er wusste also von meiner Existenz. Meine
Großmutter hatte alle seine Briefe verschwinden lassen, da sie Angst hatte,
dass meine Mutter meinem Vater nach Russland folgen würde. Dann ist of-
fensichtlich die Verbindung abgebrochen worden. Es war mir nicht möglich,
von meiner Mutter, den Verwandten und auch den Freunden mehr über mei-
nen Vater zu erfahren. Es wurde alles abgeblockt, sodass ich nicht mehr über
den Verbleib meines Vaters weiß. In der Hoffnung, dass diese Suche nun
endlich erfolgreich wird …“285
In anderen Fällen sind jedoch gerade auch die Mütter daran interessiert,
ihre einstige Liebe nach mehreren Jahrzehnten zu finden. Die Betroffenen
wissen vielfach nicht, dass sie ein Kind in Österreich zurückließen. So meint
etwa Erna V. aus Wien: „Jurij ist Anfang März nach Hause abberufen wor-
den, und bei unserem letzten Beisammensein ist meine Tochter entstanden.
Sie ist am 27. November 1947 geboren. Ich würde mich freuen, wenn ich
erfahre, wie es ihm ergangen ist.“286 Sie brachte ihre Tochter trotz des Wi-
284 Leopold M., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 17.9.2006.
285 E. K., Schreiben an Peter Ruggenthaler. Wien 24.4.2003. Zit. nach: Stelzl-Marx, Freier und Befreier,
S. 444.
286 Erna V., Schreiben an Barbara Stelzl-Marx. Wien 19.7.2005.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918