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III. ALLTAG, FREIZEIT, BESATZUNGSRITUAL
Trotz der großen Präsenz der Besatzungssoldaten und der zahlreichen über-
lieferten österreichischen Berichte über Vorfälle mit „Männern in Uniform“
ist bisher kaum etwas über den „sowjetischen“ Alltag in Österreich, ihre
Freizeitaktivitäten, Verpflegung oder den Tagesablauf bekannt. In Form ei-
nes Perspektivenwechsels wird im Folgenden die Mikroebene Lebenswelt
aus sowjetischer Sicht rekonstruiert, wobei die Reglementierung des Alltags
ebenso zur Sprache kommt wie die Freizeitgestaltung und das Zelebrieren di-
verser Riten und Feste während der Stationierung in Österreich. Dabei zeigt
sich, dass Ausbildung, Sport und Gefechtsübungen einen Großteil des All-
tags sowjetischer Soldaten einnahmen und vor allem die einfachen Soldaten
einem strikten Aufgabenreglement unterzogen wurden. Die Pflege von Waf-
fen, Ausrüstung und Kleidung gehörte ebenso zu diesen wiederkehrenden
Aufgaben wie die Absolvierung von Politschulungen oder das Sauberhalten
des Kasernengeländes und der Unterkünfte. Auch eine möglichst sinnvolle
Freizeitgestaltung war vorgesehen, die zur Stärkung der Disziplin beitragen
sollte. De facto boten sich den Wehrdienstleistenden jedoch immer wieder
Möglichkeiten, den strengen Vorgaben – zumindest vorübergehend – zu ent-
kommen.
1. Sowjetischer Alltag in Österreich
1.1 Von der Tagwache bis zum Zapfenstreich
In der Besatzungsarmee war der Tagesablauf streng reglementiert: Aufstehen
um 6.30 Uhr, anschließend Morgensport, Morgentoilette, Standeskontrolle,
Frühstück von 7.30 bis 8.20 Uhr, worauf die obligatorische Politinformation
folgte. Bis zum Mittagessen und erneut am Nachmittag waren Gefechtsübun-
gen zu absolvieren. Am Abend mussten zunächst die Waffen gereinigt wer-
den. Danach fanden die „politische Massenarbeit“ und die Vorbereitung auf
die Übungen des nächsten Tages statt. Das relativ späte Abendessen begann
um 21.30 Uhr und dauerte bis 22.20 Uhr. Ab 23 Uhr begann schließlich die
Nachtruhe. Nur in den Stäben ging man den Tag etwas gemütlicher an.1
Der generell straffe Zeitplan sollte eine möglichst strenge Kontrolle über
die einzelnen Militärangehörigen erleichtern und die Disziplin in den Einhei-
1 CAMO, F. 863, op. 1, d. 50, S. 126f., Befehl Nr. 0110 des Kommandanten der 4. Garde-Armee, Garde-
Generalleutnant Zachvataev, und des Mitglieds des Militärrates der 4. Garde-Armee, Generalmajor
Šepilov, über den Tagesablauf in der Sommersaison, 21.5.1945. Siehe dazu auch Tabelle 8 im An-
hang dieses Bandes.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918