Seite - 566 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual566
Situation sowjetischer Truppen in Deutschland: „Wo auch immer sich der
Soldat befand, er war niemals allein.“26
Weitaus mehr Komfort stand hingegen den höheren Rängen zu. Jene
Räumlichkeiten, die sie für Dienst, Unterkunft und Freizeit benötigten, wa-
ren unbedingt bereitzustellen. Allerdings hatte der Stab der jeweiligen Armee
zuerst die Erlaubnis zu erteilen, sollten Privathäuser, Schulen oder andere
öffentliche Gebäude beschlagnahmt werden.27 Auf Befindlichkeiten von ös-
terreichischer Seite nahm man dabei wenig Rücksicht.
Die Kasernierung der Soldaten sollte dazu beitragen, Kontakte zur örtli-
chen Bevölkerung möglichst zu unterbinden. Aber gerade auch die höheren
Dienstränge mussten in Häusern untergebracht werden, die von der örtlichen
Bevölkerung „isoliert“ waren. Hier spielte unter anderem die Angst vor Spi-
onage eine Rolle. Denn Dienstgespräche durften nicht von außenstehenden
Personen mitgehört werden.28 „Während ihr euch außerhalb der Grenzen der
Heimat befindet, seid besonders vorsichtig!“, wurde Stalin in einem weitver-
breiteten Plakat von 1945 zitiert.29
So entstanden an den Stationierungsorten exterritoriale Wohngebiete, die
von ihrer nichtsowjetischen Umgebung weitestgehend abgeschottet waren.
Die unteren Ränge wohnten in Kasernen oder Wohnbunkern, die Offiziere
in Wohnungen oder Häusern, die nicht (mehr) von der örtlichen Bevölke-
rung belegt waren. Eine gemeinsame Unterbringung mit Einheimischen war
„kategorisch“ verboten. Zahlreiche Befehle der Führung zielten darauf ab,
in den einzelnen Garnisonen eine „strenge innere Ordnung, Disziplin und
einen straffen Wachdienst“ zu organisieren und die Wehrdienstleistenden
hinsichtlich ihres Verhaltens gegenüber den Einwohnern zu schulen.30 Dabei
verlangte man gezielt ein „höfliches und kultiviertes Verhalten“.31 Denn Be-
rührungspunkte mit Einheimischen ergaben sich trotz der – zumindest auf
26 Satjukow, Besatzer, S. 115.
27 CAMO, F. 863, op. 1, d. 53, S. 165f., Befehl Nr. 046 des Kommandeurs des 20. Garde-Schützenkorps,
Garde-Generalleutnant Birjukov, und des Leiters des Stabes, Garde-Generalmajor Zabelin, über die
Unterbringung der Einheiten des 20. Garde-Schützenkorps im Winter, 2.8.1945.
28 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 26, Befehl Nr. 0186 des Leiters des Stabes der 4.
Garde-Armee, Garde-Generalmajor Fomin, über Vorfälle von der Abnahme der Vorsichtigkeit und
der Preisgabe des Militärgeheimnisses, 4.7.1945.
29 „Nachodjas’ za rubežom rodnoj zemli, bud’tde osobenno bditel’ny! (Iz prikaza Nr. 20 ot 1.V.45 g.
Verchovnogo Glavnokomanujuščego Maršala Sovetskogo Sojuza t. Stalina.“ Siehe dazu das Fak-
simile des Plakates von Solomon Samsonovič Boium in: Snopkov – Snopkov – Škljaruk, Šest’sot
plakatov, S. 103.
30 Vgl. dazu etwa CAMO, F. 863, op. 1, d. 54, S. 18, Befehl des Oberkommandos der CGV Nr. 0200
über die Unterbringung der Truppen und ihre Vorbereitung für den Winter, 29.11.1945.
31 CAMO, F. 894, op. 1, d. 66, S. 226, Bericht des Leiters des Stabes der 17. Garde-Division, Garde-
Oberstleutnant Chimov, über die Unterbringung der Truppen, 26.10.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918