Seite - 568 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 568 -
Text der Seite - 568 -
III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual568
Er saß neben mir und sagte, wie die Wörter richtig ausgesprochen werden.
Er spielte den Lehrer. Und dann gingen wir alle ins Kino, mit den Töchtern
und dem Hausherrn, manchmal auch mit dem Sohn. Eine ganze Gruppe.“35
Wie wohl die meisten höheren Dienstgrade genoss Zajcev trotz aller Vorga-
ben genug Freiheiten, um mit dem österreichischen Leben in Berührung zu
kommen.
Auch Viktorija Perlamutrova, die Gattin eines sowjetischen Majors, erin-
nert sich, viel Zeit mit der Tochter ihrer österreichischen Quartiergeber ver-
bracht und sich mit der jungen Frau angefreundet zu haben. Doch trotz des
Komforts litt die 1920 in Moskau geborene Ärztin an Heimweh, vor allem,
weil es ihr in Österreich eher langweilig war: „Ich arbeitete nicht, war mit
nichts beschäftigt, der Mann war den ganzen Tag in der Arbeit und ich rede-
te nur mit dieser Rosi.“36 Beeindruckt zeigte sich die Moskauerin von Haus-
haltsgeräten wie einem Staubsauger oder einer Waschmaschine, die sie bis
dahin nicht gekannt hatte, sowie von der großen Wohnung:37 „Wir wohnten
in einer Dreizimmerwohnung, und in einem der hinteren Zimmer, einem
großen, standen zwei Klaviere und ein Schrank, ein kolossaler Schrank voll
mit Noten. Nun, ich wühlte dort nicht herum, aber dort waren nur Noten.
Und in der Mitte stand ein großer Tisch, den wir aufgrund unserer Jugend
für Pingpong verwendeten. Wir waren ja dumm. Alle kamen zu uns, um
Pingpong zu spielen. Und außer den beiden Klavieren, dem Tisch und dem
Schrank gab es in diesem großen, 30 Quadratmeter großen Zimmer nichts.“38
Zudem überraschte sie das gute Benehmen der Hausleute, die ihren Mann
stets mit „Herr Major“ ansprachen oder ausgesprochen höflich fragten, ein-
mal in der Woche im großen, beschlagnahmten Zimmer musizieren zu dür-
fen. Gerne wäre sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat mit der österreichi-
schen Familie in Kontakt geblieben, doch wurde dies von sowjetischer Seite
unterbunden: „Wir verloren den Kontakt nur deswegen, weil unsere Regie-
rung diese Einstellung hatte. […] Sie glaubte, dass wir mit ihnen irgendeine
Verbindung hätten. Verstehen Sie, so eine Dummheit! Sie erhielten ja nicht
unseren Brief!“39
35 OHI, Zajcev.
36 OHI, Viktorija Perlamutrova. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 28.1.2003.
37 Siehe dazu auch das Kapitel C.III.2.1.6 „‚Sie waren viel weiter‘: Eindrücke des Lebensstandards“ in
diesem Band.
38 OHI, Perlamutrova.
39 Ebd.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918