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1. Sowjetischer Alltag in Österreich 571
eigene Pilzsammelkommandos, die, mit Autos ausgestattet, ab Mitte August
1945 an den Wochenenden die Wälder zu durchkämmen und die Pilze an-
schließend einzulegen hatten.47
Probleme traten mitunter bei der Lebensmittelhygiene auf, was etwa zu
Magenverstimmungen führen konnte. In manchen Fällen hatten die Sani-
tätsabteilungen die erbeuteten bzw. beschlagnahmten Nahrungsmittel man-
gelhaft überprüft, weswegen schwere Vergiftungen auftraten. Selbst die
Verarbeitung von Fleisch und anderen „Trophäenlebensmitteln“ oder die
Schlachtung von Vieh erfolgte vielfach ohne sanitäre und veterinäre Kontrol-
len.48 So erlitt etwa ein Hauptmann Žukov im Sommer 1945 nach dem Kon-
sum amerikanischer Fleischkonserven eine schwere Lebensmittelvergiftung.
Man verbot daraufhin den Truppenangehörigen, generell Konserven und
im Speziellen „Beutekonserven“ ohne die entsprechende Kontrolle zu ver-
brauchen.49 Sämtliche gelagerten Konserven sollten überprüft und im Falle
einer Wölbung aus dem Verkehr gezogen werden. Auf eine kühle, trockene
Lagerung wurde eigens hingewiesen.50 Auch hygienische Standards bei der
Lagerung, dem Transport und der Zubereitung der Lebensmittel und Spei-
sen waren laut Befehl einzuhalten. Tatsache sei allerdings, räumte ein NKVD-
Offizier ein, dass
- die Lebensmittelproben nicht aufbewahrt wurden;
- die Qualität der Speisen von niemandem überprüft wurde;
- die Küchen teilweise äußerst „antisanitär“ waren und
- das Geschirr für die Zubereitung und Ausgabe der Speisen vor Ort erbeu-
tet und ohne sanitäre Behandlung verwendet wurde.51
Ungeachtet aller Vorgaben setzten sich die Wehrdienstleistenden häufig über
den Befehl hinweg, ihre Mahlzeiten ausschließlich in den Armeekantinen ein-
zunehmen, und bereiteten ihr Essen selbst zu. Die Führung sah dies unter an-
derem deswegen nicht gern, weil die in individuellen Gemeinschaftsküchen
47 CAMO, F. 3415, op. 1, d. 96, S. 152, Anordnung des stv. Kommandeurs der 18. Panzerdivision,
Oberst Merkulov, über das Sammeln von Pilzen [August 1945].
48 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 396, S. 24f., Befehl des Leiters des UVS NKVD, Generalleutnant Burgaft,
über sanitär-veterinäre Kontrollen, 2.4.1945.
49 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 172, S. 33, Bericht des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des
Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, über Lebensmittelvergiftungen in den
Einheiten, 30.6.1945.
50 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 172, S. 34, Anordnung des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Major Kruglij, über die Überprüfung von Konserven,
4.7.1945.
51 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 396, S. 24–25, Befehl des Leiters des UVS NKVD, Generalleutnant Burgaft,
über sanitär-veterinäre Kontrollen, 2.4.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918