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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual572
gekochten Speisen üblicherweise nicht aufgegessen und dann weggeworfen
wurden.52 Einige Offiziere ließen sich auch von ihren österreichischen Quar-
tiergebern bekochen, wodurch sie zugleich zur Aufbesserung deren kärgli-
chen Speiseplans beitrugen. Dabei ließen manche das zubereitete Essen von
der österreichischen Familie vorab kosten, aus Angst, von diesen vergiftet zu
werden.53 Auf diese Art lernten sie auch die österreichische Küche kennen.
Zur Aufbesserung ihres Speiseplans griffen manche der Armeeangehöri-
gen zudem zu anderen, gleichfalls verbotenen Strategien. Sie beschlagnahm-
ten Lebensmittel bei der Bevölkerung oder scheinbar herrenloses Vieh,54 jag-
ten ohne Genehmigung oder fischten mit Dynamit. Besonders dreist erscheint
der Fall des Kommandanten des 3. Schützenbataillons des 184. Schützenre-
giments, Garde-Major Grjaznov, der eine Gruppe von Soldaten mit einem
Fuhrwerk in die burgenländische Ortschaft Berg schickte, um für seine Ge-
burtstagsfeier Lebensmittel und Wein zu besorgen. Die mit Maschinenpis-
tolen bewaffneten Männer befahlen den Bewohnern von 20 Häusern des
Dorfes, innerhalb von zwei Stunden pro Haushalt einen Liter Wein, zwei Ki-
logramm Mehl und zwei Eier auf das Fuhrwerk zu laden, was diese auch ta-
ten. Doch die Feier sollte kärglicher als geplant ausfallen. Denn auf Beschwer-
de des Bürgermeisters hin fuhr eine Abordnung der Militärkommandantur
von Oberwart nach Berg, die die „Einsammler“ festnahm und der Bevölke-
rung ihre Lebensmittel zurückgab.55 In diesem Fall konnte – metaphorisch
gesprochen – der Borschtsch nicht mit einer Sachertorte aufgebessert werden.
1.2.3 Chromstiefel und Feldblusen
Die Bekleidung der sowjetischen Militärangehörigen in Österreich unterlag
gleichfalls strengen Reglementierungen. Selbst Generäle und Offiziere hatten
angesichts der „besonderen Umstände des Lebens und des militärischen Ein-
satzes der Armee“ in Österreich stets eine Uniform zu tragen, wie ein Befehl
an die 4. Garde-Armee vom Juli 1945 erläuterte. Das Tragen von Zivilklei-
dung war nicht nur während des Dienstes, sondern auch in der Freizeit ver-
52 Ebd.
53 Maria Mayr, Das Jahr 1945 im Bezirk Horn. Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes. Bd. 31.
Horn – Waidhofen a. d. Thaya 1994, S. 110; Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 424.
54 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 172, S. 28, Befehl des Leiters des Fronthinterlandes der 57. Armee, Garde-
Generalmajor Kobzar’, über die Beschlagnahmung scheinbar herrenlosen Viehs, 30.5.1945.
55 AVP RF, F. 66, op. 24, p. 26, d. 20, S. 38–42, hier: S. 38f., Bericht des Bevollmächtigten des Mili-
tärkommissars im Burgenland, Oberstingenieur Usikov, an den stv. Militärkommissar, Želtov,
und den politischen Berater für Österreich, Kiselev, über die Arbeit der Militärkommandanturen,
2.2.1946. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok.
Nr. 119.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918