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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual576
1.3 Frauen und Familie
1.3.1 Offiziersgattinnen
Der Dienst in der Armee bedeutete an der Front, aber auch in den Besat-
zungstruppen vielfach eine Zeit ohne Frau und Familie. Dies erklärt ferner,
weshalb bereits unmittelbar nach Kriegsende sowjetische Besatzungsangehö-
rige – verbotenerweise – den Kontakt zu österreichischen Frauen, aber auch
zu befreiten „Ostarbeiterinnen“ suchten. Manche Offiziere hielten ehemalige
Zwangsarbeiterinnen sogar gewaltsam „für ihre Zwecke“ von ihrer Repatri-
ierung zurück, lautete Anfang Mai 1945 eine Beschwerde an den Leiter der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front und
den Militärrat der 4. Garde-Armee.66 Nach einer so langen Zeit der Entbeh-
rung und Not befriedigten Beziehungen das Bedürfnis, heimisch zu sein und
einen familienähnlichen Alltag zu haben. Intime Verhältnisse mit Österrei-
cherinnen bedeuteten ein zumindest partielles Wiederaufleben einer zivilen
Existenz.67 Nicht zuletzt ist die häufig überlieferte Kinderliebe der „Russen“
als Versuch zu sehen, an ein „normales“ Leben anzuknüpfen.
Auch innerhalb der Truppen entstanden Liebesbeziehungen, die teilwei-
se zu Eheschließungen führten. Boris Zajcev erinnert sich an die Beziehung
von „Taneča“ und „Miša“, die beide in seinem Regiment dienten. Das ge-
meinsame, in Österreich geborene Kind erhielt den despektierlichen Spitzna-
men „Regimentstochter“.68 Allerdings kamen Rotarmistinnen aufgrund ihrer
Kriegserfahrungen für viele Männer als Ehepartnerinnen nicht mehr infrage.
Für die Frauen, die in gleichem Maße wie die Männer Todesgefahr und Stra-
pazen ertragen hatten, war dies tief verletzend.69 Ehen mit ehemaligen „Ar-
meemädchen“ waren vielfach verpönt und konnten eine Rufschädigung der
„neuen“ Familie mit sich bringen.70
Lediglich Generäle und Offiziere hatten zunächst das Privileg, ihre Fami-
lien in die sowjetische Besatzungszone Österreichs nachkommen zu lassen.
Die Genehmigung dafür musste vorab beim zuständigen Militärrat eingeholt
werden, wofür eigene Listen mit den Namen der Antragsteller vorzulegen
66 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 12, S. 1–3, hier: S. 1, Operative Tagesmeldung des Kommandeurs des 336.
Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters des Stabes, Major Buškov, an den Leiter
der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front und den Militärrat der
4. Garde-Armee, 1.5.1945.
67 Satjukow, Die Besatzer, S. 56f. Siehe dazu auch das Kapitel B.II.2.1 „Wechselseitige Attraktivität“ in
diesem Band.
68 OHI, Zajcev.
69 Jahn, Mascha + Nina + Katjuscha, S. 148.
70 Merridale, Iwans Krieg, S. 267.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918