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1. Sowjetischer Alltag in Österreich 579
dass es unumgänglich sei, sie in die Heimat zurückzubringen. Wenig später
wurden etliche Güterzüge mit Frauen, Kindern und Krimskrams aus Öster-
reich zusammengestellt. Kein einziger Grund wurde für einen Aufschub der
Ausreise akzeptiert.“75
Im Zusammenhang mit den Rückführungen der Familienmitglieder ver-
wies er zudem auf die massenhafte Ausfuhr von Gütern aus Österreich, die
auf nicht näher definierte Weise „erworben“ worden waren: „Für die Aus-
fuhr von ‚erworbenem‘ Eigentum wurde jeder Familie ein halber Güterwag-
gon zur Verfügung gestellt. Die Familien der Obersten erhielten einen eige-
nen Waggon. Dies war eine halboffizielle Erlaubnis zur Ausfuhr von allerlei
Gerümpel, das auf unterschiedlichen Wegen im Land erworben worden war.
Als Andenken wurde vieles mitgenommen, sogar die Kachelverkleidung von
Öfen. Diese umgehende Umsiedlung einer Masse von Leuten und Eigentum
ging vor den Augen der Österreicher vor sich.“76
Dieses Verbot, das offensichtlich auf ideologischen und „wirtschaftlichen
Überlegungen beruhte, wurde erst 1953 aufgehoben, auf Antrag des neuen
Oberbefehlshabers der CGV, General-Oberst S. S. Birjuzov. Er konnte die
Führung überzeugen, dass es vorteilhafter ist, einige unbedeutende materiel-
le Ausgaben aufzubringen, als ständig mit einer Reihe schwerer außerordent-
licher Vorkommnisse konfrontiert zu sein, die unvermeidbar sind, wenn eine
große Anzahl junger Offiziere von der Familie getrennt ist.“77 Denn, so die
Erklärung des GRU-Offiziers, die „in Einsamkeit lebenden Offiziere [sind]
sehr demoralisiert, die Anzahl außergewöhnlicher Vorkommnisse wächst.
[…] Danach begann eine Masseneinreise in das Land. Dass diese Kapricen
der Führung viele Millionen Rubel kosteten, trug in bedeutendem Maße zum
Verfall unseres Prestiges in den Augen der Ausländer bei, [allerdings] machte
das niemandem Sorgen.“78
Per Beschluss des Ministerrates der UdSSR Nr. 10470rs vom 11. August
1953 erhielten schließlich die Frauen und Kinder von Offizieren, Generälen
und Admirälen, die den Posten eines Regimentskommandanten, eine gleich-
wertige oder höhere Position einnahmen, generell das Recht, ihrem Mann
bzw. Vater ins Ausland zu folgen. Dies betraf neben der Zentralen Gruppe der
75 Nikol’skij, GRU v gody Velikoj otečestvennoj vojny, S. 251; Bacher – Ruggenthaler, Als GRU-Offi-
zier in Österreich, S. 144.
76 Nikol’skij, GRU v gody Velikoj otečestvennoj vojny, S. 251f; Bacher – Ruggenthaler, Als GRU-Offi-
zier in Österreich, S. 144f.
77 Nikol’skij, GRU v gody Velikoj otečestvennoj vojny, S. 252; Bacher – Ruggenthaler, Als GRU-Offi-
zier in Österreich, S. 144f.
78 Nikol’skij, GRU v gody Velikoj otečestvennoj vojny, S. 252; Bacher – Ruggenthaler, Als GRU-Offi-
zier in Österreich, S. 145.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918