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2. Freizeit, Erholung, Urlaub 595
Zeitungsartikel dieser Art korrespondierten mit entsprechenden Befehlen
innerhalb der Armee. Freie Tage sollten nicht „grau und langweilig“ ver-
bracht werden, an denen die Soldaten nicht wüssten, wie sie die Zeit totschla-
gen könnten.125 Gerade in sportlicher Ertüchtigung sah das Kommando aber
nicht nur eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, sondern auch eine Form der
politischen und militärischen Ausbildung.126 Sie maß dem „Massensport“
eine große Bedeutung bei, weswegen sich die Klubs und „Häuser der Offizie-
re“ der Roten Armee gleichfalls daran beteiligen sollten. Schlussendlich sollte
die Mehrheit der Militärangehörigen davon erfasst werden.127
Mit diesem Ziel wurde auch das militärische Sportprogramm unter dem
Motto „Bereit zu Arbeit und Verteidigung“ („Gotov k trudu i oborone SSSR“,
kurz: GTO) eingeführt, das zahlreiche Soldaten zu Konditions- und Waffen-
sportübungen verlocken sollte. Das GTO-Programm galt als Mittel zur Er-
ziehung „gesunder, kühner, lebensfroher Patrioten – Verteidiger der sow-
jetischen Länder, aktiver Erbauer der kommunistischen Gesellschaft“. Man
forderte daher „jeden sowjetischen Soldaten“ dazu auf, ein „Träger des Ab-
zeichens GTO“ zu werden. Dies galt als Frage der „Ehre des Soldaten“.128 Zur
Anstachelung ihres Ehrgeizes bestand das Programm aus einem mehrteili-
gen Stufen- und Normensystem, das durch ein ausgeklügeltes Trainingspro-
gramm zu erfüllen war.129
Die Organisation sportlicher Aktivitäten im Dienst, aber auch in der Frei-
zeit fiel in die Zuständigkeit der Kommandeure, Politoffiziere und Partei-
sowie Komsomolorganisationen. Dabei handelte es sich um eine „heilige
Pflicht“, lautete die Devise paradoxerweise.130 Praktisch hatten sich damit
ehemalige Trainer, Sportler und Sportlehrer unter den Militärangehörigen
zu beschäftigen, die für ein „regelmäßiges, planmäßiges Training“ zustän-
dig waren. Bereits zu Beginn der Besatzungszeit wurden an den freien Tagen
Fußballspiele oder Leichtathletikwettkämpfe organisiert. Die besten Sportler
und Kommandos sollten über Wand- und Armeezeitungen der Zentralen
Gruppe der Streitkräfte „popularisiert“ werden. Für sie waren Bedingungen
zu schaffen, die ihnen ein regelmäßiges Training und die Teilnahme an Wett-
kämpfen ermöglichten.131
125 Ebd.
126 N. Vološin, Naši gimnasty, in: Za čest’ Rodiny, 8.3.1946, S. 7.
127 CAMO, F. 894, op. 1, d. 64, S. 164f., Anordnung des Leiters des Stabes der 4. Garde-Armee, Ge-
neralleutnant Derevjanko, über die physische Vorbereitung der Truppen der 4. Garde-Armee im
Sommer 1945, 30.5.1945.
128 Delo česti soldata, in: Za čest’ Rodiny, 5.10.1946, S. 1.
129 Delo česti soldata, in: Za čest’ Rodiny, 26.3.1946, S. 1.
130 Za massovuju fizkul’turu i sport!, in: Za čest’ Rodiny, 29.7.1945, S. 1.
131 CAMO, F. 3415, op. 1, d. 102, S. 47, Anordnung Nr. 0519 des Leiters der Politabteilung des 18. Pan-
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918