Seite - 613 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 613 -
Text der Seite - 613 -
3. Riten, Feiern, Zeremonien 613
handelte es sich allerdings nicht um die einzigen sowjetischen Opfer, die hier
den Tod fanden. Hinzuzurechnen sind außerdem jene mehr als 22.000 sow-
jetischen Militärangehörigen, die im System der Kriegsgefangenenlager ums
Leben kamen, jene etwa 10.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die im KZ
Mauthausen und an anderen Orten ermordet wurden, sowie die während
des Zwangsarbeitereinsatzes in der „Ostmark“ verstorbenen „Ostarbeiterin-
nen“ und „Ostarbeiter“.209 Insgesamt verloren somit mindestens 44.000 sow-
jetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Zivilinternierte während der
NS-Zeit in Österreich ihr Leben und fanden hier ihre letzte Ruhestätte.210
Nach dem Ende der Kampfhandlungen nahm die Todesrate in den sowje-
tischen Streitkräften drastisch ab. Die entsprechenden Akten von NKVD und
der CGV geben – sofern sie zugänglich sind – fortan nur mehr vereinzelte
Hinweise auf Todesfälle in den Besatzungstruppen. Zu den häufigsten To-
desursachen zählten zweifelsohne Unfälle im Straßen- und Schienenverkehr,
wobei gerade zu Beginn der Besatzungszeit der ungewohnte Umgang mit
Fahr- oder Motorrädern eine Gefahrenquelle darstellte. Im November 1945
sah sich Marschall Konev sogar genötigt, einen eigenen Befehl über den
„Kampf gegen Unfälle und Katastrophen im Straßenverkehr“ zu erlassen.211
Außerdem kam es bei Manövern und Übungen wiederholt zu tödlichen Un-
fällen wegen fahrlässigen Umgangs mit Waffen und Gerät. Zahlreich waren
zudem Todesfälle als Folge von Alkoholvergiftungen oder übermäßigem Al-
koholkonsum. Auch forderten Krankheiten ihren Zoll unter den Besatzungs-
soldaten. Belegt sind außerdem Fälle von Mord, fahrlässiger Tötung und
Selbstmord, wobei Letzteres als „amoralische Erscheinung“ galt.212
209 Florian Freund – Bertrand Perz, Die Zahlenentwicklung der ausländischen Zwangsarbeiter und
Zwangsarbeiterinnen auf dem Gebiet der Republik Österreich 1939–1945. Gutachten im Auftrag
der Historikerkommission der Republik Österreich. Bd. 26/3. Wien 2000, S. 136; Wolfram Dornik,
Erinnerung am Rande. Die Rote Armee im Steinernen Gedächtnis Österreichs, in: Stefan Karner –
Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Beiträ-
ge. Graz – Wien – München 2005, S. 407–420, hier: S. 409.
210 Stefan Karner, Geleitwort, in: Peter Sixl, Sowjetische Kriegsgräber in Österreich. Sovetskie mogily
Vtoroj mirovoj vojny v Avstrii. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfol-
gen-Forschung, Sonder-Bd. 6. Graz – Wien – Klagenfurt 2005, S. 11f.
211 CAMO, F. 863, op. 1, d. 54, S. 9, Befehl Nr. 0186 des Oberbefehlshabers des CGV, Marschall Konev,
des Mitglieds des Militärrates, Generalleutnant Kal’čenko, und des Leiters des Stabes, General-
oberst Malandin, über Maßnahmen im Kampf mit Unfällen und Katastrophen im Straßenverkehr,
15.11.1945.
212 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 117, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz der Hinterlandes der CGV, Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der Truppen,
Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD, Skorodumov, über
den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den MVD-Truppen zum Schutz des Hin-
terlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946. Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.6.1 „Suizid“ in
diesem Band.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918