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3. Riten, Feiern, Zeremonien 627
3.2.3 Befreiungsfeiern
Besonderen Wert legte die sowjetische Besatzungsmacht zudem auf die fei-
erliche Begehung der Jahrestage der Befreiung Wiens am 13. April und des
„Tags des Sieges“ am 8. Mai, gedachte man doch an diesen Tagen vor allem
auch der großen Verdienste der Roten Armee. Die Feierlichkeiten wurden
penibel vorbereitet und inszeniert, nichts sollte dem Zufall überlassen wer-
den. Gedenkroutinen wie Kranzniederlegungen am „Russendenkmal“ am
13. April und am 8. bzw. 9. Mai haben bis heute Bestand.
Für den ersten Jahrestag ließ der sowjetische Stadtkommandant Wiens,
Generalleutnant Lebedenko, im Vorfeld einen genauen „Organisationsplan
für die Parade und Demonstration der Zivilbevölkerung am 13. April 1946“
ausarbeiten. Demnach hatten die Oberbefehlshaber der vier Besatzungstrup-
pen um 10.45 Uhr im Gebäude der Alliierten Kommission einzutreffen und
es eine viertel Stunde später durch den Zentraleingang zu verlassen. Paral-
lel dazu mussten sich die Truppen mit je einem Orchester am rechten Rand
jedes Bataillons vor einer auf dem Schwarzenbergplatz errichteten Tribüne
formieren. Nach den Begrüßungsworten von Generalmajor Komarov, der
die Parade anführte, sollten die vier Hymnen – beginnend mit der sowjeti-
schen – ertönen und anschließend Kränze beim „Denkmal der Roten Armee“
niedergelegt werden. Für Bürgermeister Körner war gleichfalls eine Kranz-
niederlegung im Programm vorgesehen. 185 Polizisten und je 30 Angehörige
der Besatzungsarmeen hatten den Verkehr zu regeln und für die Straßenab-
sperrung zu sorgen. Außerdem standen 80 Soldaten des 24. NKVD-Grenzre-
giments für die Aufrechterhaltung der „inneren Ordnung“ bereit. Auf den
Platz selbst konnte man nur mit einem von der sowjetischen Stadtkomman-
dantur ausgestellten Passierschein gelangen, wofür Oberst Grigorij Savenok,
der spätere Verfasser von „Venskie vstreči“,266 verantwortlich war.267
Auch in den darauffolgenden Jahren wurde das Jubiläum feierlich began-
gen. Besonders aktiv waren in diesem Zusammenhang die USIA-Betriebe,
wo 1947 in 33 Betrieben „feierliche Versammlungen“ abgehalten und „viele
Kulturreferenten selbstständige Gespräche“ unter den Arbeitern über den
zweiten Jahrestag der Befreiung Österreichs und den 1. Mai durchführten.268
ökonomische Fragen der SČSK, G. Denisov, über die Feier von Neujahrstannen für österreichische
Kinder 1954, 20.1.1955.
266 Siehe dazu auch das Kapitel C.III.3.2 „Savenoks ‚Wiener Treffen‘“ in diesem Band.
267 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 10, S. 52f., Organisationsplan von Garde-Generalleutnant Lebedenko für
die Parade und Demonstration der Zivilbevölkerung am 13. April 1946 [vor dem 13.4.1946].
268 RGASPI, F. 17, op. 127, d. 1494, S. 63–84, hier: S. 77, Bericht des Leiters der Propagandaabteilung der
SČSK, Oberstleutnant Dubrovickij, über die Arbeit der Propagandaabteilung der SČSK im April
1947, 17.5.1947.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918