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3. Riten, Feiern, Zeremonien 629
sem Zeitpunkt waren neben einigen Vertretern der Gemeinde, der Bezirks-
hauptmannschaft und von Ämtern rund 150 Schulkinder und ebenso viele
Soldaten der Besatzungsmacht anwesend. Mit dem Abspielen der sowjeti-
schen und österreichischen Hymne war die Feier beendet.271
Analog dazu waren bei den Befreiungsfeiern in anderen Orten Ostöster-
reichs gegen Ende der Besatzungszeit von österreichischer Seite vorwiegend
Schulkinder und Vertreter von Behörden, anderen offiziellen Einrichtungen,
der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft und von USIA-Betrieben anwe-
send. Seitens der Besatzungsmacht nahmen Offiziere mit ihren Familienan-
gehörigen und Abordnungen von Soldaten teil. Man merkte eigens an, dass
keinerlei Zwischenfälle vorfielen.272 Auch die Besatzungsmacht hatte in man-
chen Bereichen „antisowjetische Provokationen“ befürchtet, etwa in Form
von Demonstrationen oder der Anbringung von Trauerfahnen.273
Im April 1955 übersandte Außenminister Molotov anlässlich des zehnjäh-
rigen Jubiläums der Befreiung Österreichs ein Glückwunschtelegramm, in
dem er der österreichischen Bevölkerung auch die baldige Erfüllung der „na-
tionalen Sehnsucht“ – die Unterzeichnung des Staatsvertrages – wünschte.274
Als dieser Wunsch wenig später in Erfüllung ging, wurden zugleich die bis
dahin obligaten Befreiungsfeiern obsolet. Lakonisch, beinahe zynisch brachte
die Bezirkshauptmannschaft Zwettl die symptomatische österreichische Ein-
stellung gegenüber diesen Feiern in einem Rundschreiben vom April 1956
auf den Punkt: „Da Österreich von den Befreiern befreit und frei ist, werden
Befreiungsfeiern als überholt nicht mehr stattfinden.“275
271 NÖLA, BH Zwettl, Abt. 1, 396, 1955, Zl.roem. 1-66/15, Schreiben des Zwettler Bezirkshauptmannes
an das Präsidium der Niederösterreichischen Landesregierung betreffend die Feier des 10. Jahresta-
ges der Befreiung Österreichs in Zwettl, 16.4.1955. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubar-
jan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 138.
272 OÖLA, ZVM, Präs-9701-55, Schreiben der Zivilverwaltung Mühlviertel an das Bundeskanzleramt
betreffend Gefallenen-Ehrungen, 28.4.1955. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die
Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 139.
273 CAMO, F. 275, op. 507774s, d. 6, S. 23, Bericht an Generaloberst Želtov über die Begehung des
10-jährigen Jubiläums der Befreiung Österreichs, 21.4.1955.
274 AVP RF, F. 66, op. 61, p. 34, d. 15, S. 1, Telegramm von Außenminister Molotov an Außenminister
Figl anlässlich des 10. Jahrestages der Befreiung Österreichs [spätestens am 27.4.1955].
275 NÖLA, BH Zwettl, Abt. 1, 396, 1955, pd., Rundschreiben der Bezirkshauptmannschaft Zwettl be-
treffend die Abschaffung der Befreiungsfeiern, 3.4.1956. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx –
Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 140.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918