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I. BILDER DER BESATZUNG
„Mit den Augen eines Rotarmisten“ lautete der Titel einer 2006 in St. Pölten
gezeigten Ausstellung, die erstmals die bis dahin unveröffentlichten Fotos
eines ehemaligen sowjetischen Besatzungssoldaten in Österreich der Öffent-
lichkeit zugänglich machte. Der Oberleutnant des Technischen Dienstes Boris
Zajcev hatte seine Fronterlebnisse und die Zeit seiner Stationierung in Bruck
an der Leitha als leidenschaftlicher Hobbyfotograf auf Zelluloid festgehalten.
Aus einer Innenperspektive heraus erlauben die Aufnahmen einerseits einen
persönlichen Einblick in den Alltag sowjetischer Soldaten in Österreich. An-
dererseits porträtieren sie das Leben der einheimischen Bevölkerung aus dem
Blickwinkel eines Außenstehenden, der sich in einer für ihn völlig fremden
Umgebung befand. Dadurch vermitteln die Fotos ein Bild von der Koexistenz
zweier verschiedener Welten, ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen.1
Zajcev blieb mit seiner Fotodokumentation nicht allein. Unzählige private
„Schnappschüsse“, aber auch Aufnahmen offizieller Kriegsfotografen doku-
mentierten den Einsatz in Österreich. Letztere sind als Teil der sowjetischen
Propagandamaschinerie zu sehen, die gezielt Bilder im visuellen Gedächtnis
der Bevölkerung verankerte. Daneben avancierten gerade die „laufenden“2
Bilder sowjetischer Filmemacher zu bedeutenden Faktoren politischer Insze-
nierungen sowie visueller Erinnerungs- und Geschichtspolitik. Kameramän-
ner der 3. Ukrainischen Front hielten den Vormarsch der Roten Armee und
die Kämpfe um Wien für spätere Dokumentationen fest. Angesehene Filme-
macher drehten Dutzende Filme über Österreich.3 Sie bildeten einen Bestand-
teil der sprichwörtlichen „Kinofront“, wie die symptomatische Bezeichnung
für die Filmindustrie in der Sowjetunion lautete.4 Mit den Möglichkeiten des
seinerzeit modernsten und flexibelsten Massenmediums dienten die Aufnah-
men dazu, die propagandistischen Ziele der Führung zu stützen.5 Wie ande-
re Massenmedien auch, waren sie „politisches Kampfmittel und Hersteller
sozialer und kultureller Wirklichkeiten in einem“.6 Sie unterlagen dabei den
kulturellen Realitätskonstruktionen, den tradierten bzw. neu formulierten
Darstellungsschemata sowie den spezifischen Darstellungsmöglichkeiten des
1 Iber – Stelzl-Marx, Begleitheft zur Ausstellung „Mit den Augen eines Rotarmisten“, S. 3.
2 Gerhard Paul, Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung, in: Gerhard
Paul (Hg.), Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen 2006, S. 7–36, hier: S. 27f.
3 Siehe dazu unter anderem die im Folgenden angeführten Dokumentarfilme.
4 Denise J. Youngblood, Russian War Films. On the Cinema Front, 1914–2005. Lawrence 2007, S. 3.
5 Vgl. K. M. Anderson – L. V. Maksimenkov – L. P. Košeleva – L. A. Rogovaja (Hg.), Kreml’evskij
kinoteatr 1928–1953. Moskau 2005; Valerij I. Fomin (Hg.), Kino na vojne. Moskau 2005.
6 Thomas Lindenberger, Einleitung, in: Thomas Lindenberger (Hg.), Massenmedien im Kalten Krieg.
Akteure, Bilder, Resonanzen. Köln – Weimar – Wien 2006, S. 9–24, hier: S. 11.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918