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1. Dokumentarfilme 637
Lebens eines Barons mit der tristen Situation der bäuerlichen Bevölkerung als
kritische Gesellschaftsstudie angelegt. Bauern statt Pferde ziehen den Pflug,
kleine Kinder schlafen auf dem nackten Boden. Auch „Die Versammlung klei-
ner Bauern in Österreich“30 hebt den Unterschied zwischen reichen und armen
Bauern hervor, wobei Letztere Unterstützung durch kommunistische Funk-
tionäre erfahren. Bei den sowjetischen Zusehern rief dies sicherlich Reminis-
zenzen an das im Rahmen der Kollektivierung der Landwirtschaft etablierte
Feindbild der „Kulaken“ als „ländliche Ausbeuter“ hervor.
Demselben Schema folgt „Wiener Alltag“31 mit einer Charakterisierung
der Lage von Arbeitslosen im Nachkriegs-Wien. Als Alternative wird die
Lektüre kommunistischer Medien im Gor’kij-Lesesaal angeboten. Analog
dazu stehen in „Gegen den Angriff auf den Lebensstandard“32 Arbeiter im
Vordergrund, die gegen die Erhöhung von Mieten und die Senkung des Le-
bensstandards protestieren. In langen Sequenzen sind ausgebombte Häuser
und andere unmittelbare Kriegsfolgen zu sehen. Auch hier ist die implemen-
tierte Botschaft unmissverständlich: Ein „gutes“ Leben kann nur der Kom-
munismus bieten.
Die fatalen Konsequenzen des kapitalistischen Systems führt zudem der
Film „Die Kinder in Österreich“33 aus dem Jahr 1952 vor Augen, in dem Bu-
ben Mistkübel nach Essbarem durchsuchen und in zerstörten Häusern Un-
terschlupf finden. In analoger Weise suggeriert der 1955 gedrehte Dokumen-
tarfilm „Die Demonstration österreichischer Ärzte“,34 dass selbst Ärzte und
Krankenschwestern gegen die schlechte Situation der medizinischen Versor-
gung protestieren müssen. Zwei Jahre später entstand der Tonfilm in Farbe
„In den Straßen von Wien“,35 dessen ersten zwei Teile sich ausgiebig den ein-
schlägigen Sehenswürdigkeiten Wiens, die letzten beiden Teile hingegen der
Unzufriedenheit in der Bevölkerung widmen, die sich etwa in Demonstratio-
nen von Pensionisten oder einem Streik der Gerber äußert. Einem Aufmarsch
rechter, „reaktionärer“ Verbände wird die Österreichisch-Sowjetische Gesell-
schaft gegenübergestellt.
30 RGAKFD, Nr. 17594, S’ezd melkich krest’jan Avstrii (1952, CSDF, stumm, schwarz-weiß, Kamera:
Anatolij Kološin, 291,8 m).
31 RGAKFD, Nr. 7345, Venskie budni (1949, CSDF, 2 Teile, stumm, schwarz-weiß, Kamera: D. Kaspij,
495 m).
32 RGAKFD, Nr. 17849, Protiv nastuplenija na žiznenyj uroven’ (1951, CSDF, stumm, schwarz-weiß,
Kamera: Anatolij Kološin, 189 m).
33 RGAKFD, Nr. 16730, Deti v Avstrii (1952, CSDF, stumm, Farbe, Kamera: Anatolij Kološin, 46,6 m).
34 RGAKFD, Nr. 18815, Demonstracija avstrijskich vračej (1955, CSDF, stumm, schwarz-weiß, Kame-
ra: Anatolij Kološin, 149,7 m).
35 RGAKFD, Nr. 10701, Na ulicach Veny (1957, CSDF, 4 Teile, vertont, Farbe, Drehbuch: A. Kološina,
Kamera: Anatolij Kološin, 1144,1 m).
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918