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1. Dokumentarfilme 645
ter tödlich verwundete Semen Stojanovskij – beruht, mehrfach die Rettung
einer Kulturhauptstadt und somit einer ganzen Kulturnation durch die Rote
Armee.69 Die beiden anlässlich des zehnten und 20. Jahrestages des Kriegsen-
des produzierten Filme „Die Befreiung Wiens“70 und „Walzer der Freiheit“71
greifen diesen Topos erneut auf und verankern ihn noch tiefer im kollektiven
Gedächtnis der sowjetischen Zuseher. Reminiszenzen an „The Great Waltz“
werden wach.
Signifikant ist zudem, dass „Wien“ – wie andere (neuere) Filme über den
„Großen Vaterländischen Krieg“ – das dichotomische Denken von „eigen“
und „fremd“ weiterführt und dem Denken in Freund- und Feind-Kategorien
verhaftet bleibt.72 Im Vordergrund stehen zunächst die heroisch kämpfenden
Rotarmisten, die sich ihren Weg von Ungarn kommend Richtung Wien bah-
nen. Die heranrollenden sowjetischen Panzer und abgeworfenen Bomben
werden ebenso ausgiebig dokumentiert wie der Kampf um jeden Block und
jedes Haus. Der Fokus liegt in diesen Schlachtszenen auf den Rotarmisten,
die sich in der Erstürmung Wiens bewähren; die gegnerischen Soldaten blei-
ben weitestgehend unsichtbar, so sie nicht als Kriegsgefangene abgeführt
werden oder als Leichen den Weg säumen. Bei der Verfolgung eines lediglich
klein eingeblendeten „Deutschen“, der sich – offensichtlich vergeblich – in
ein Haus zu retten versucht, vernimmt man den von Kampfgeräuschen hin-
terlegten martialischen Off-Kommentar: „Die Einheiten umgingen die feind-
lichen Garnisonen, umzingelten die Wohnorte, trieben die Deutschen aus den
Städten und Dörfern. Sie verfolgten, erfassten die Einheiten des Feindes auf
den Straßen und vernichteten sie.“73
Mehrere Nahaufnahmen zeigen hingegen die Zivilbevölkerung, die eu-
phorisch, geradezu gerührt die Rote Armee willkommen heißt. „Die österrei-
chischen Bauern verließen nicht ihre Dörfer. Sie weigerten sich, sich mit den
Deutschen evakuieren zu lassen, und sind nun aus den Kellern und Wäldern
gekommen, um die Rote Armee zu grüßen“, hört man aus dem Off. Walzer-
klänge und Großaufnahmen freundlich lächelnder sowjetischer Soldaten run-
den dieses erste Aufeinandertreffen zwischen Befreiern und österreichischen
Befreiten ab. An anderer Stelle heißt es: „Ungeachtet der Gefahr halfen die
Bewohner Wiens im Eifer des Gefechts verwundeten sowjetischen Soldaten.“
69 Wurm, Walzer der Freiheit, S. 243.
70 RGAKFD, Nr. 10274, Osvoboždenie Veny.
71 RGAKFD, Nr. 21211, Val’s svobody.
72 Christine Engel, Ein ewiger Stern im patriotischen Diskurs. Zvezda 1947–2002, in: Peter Deutsch-
mann – Peter Grzybek – Ludwig Karničar – Heinz Pfandl (Hg.), Kritik und Phrase. Festschrift für
Wolfgang Eismann zum 65. Geburtstag. Wien 2007, S. 143–170, hier: S. 166.
73 RGAKFD, Nr. 11198, Vena.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918