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2. Fotografien
Neben Filmen prägen insbesondere Fotografien das visuelle Gedächtnis an
den Zweiten Weltkrieg und die Besatzungszeit. Dieses wohl zentrale Medi-
um, über das jene Zeit erinnert wird, weist einen Doppelcharakter auf: Das
– vorwiegend noch schwarz-weiße – Foto wird einerseits als authentisches
Dokument betrachtet, das den konkreten historischen Moment mit dem „Ob-
jektiv“ festhält und eine Illusion von Echtheit vermittelt. Andererseits gilt es
„als den Augenblick überhöhendes Kunstwerk, das über den konkreten An-
lass hinaus eine allgemeine Aussage trifft“.97 Der über das Dokumentarische
hinausgehende Bedeutungsgehalt vermittelt für den Betrachter in der spezi-
ellen Situation auch subjektive und allgemeine Deutungen der historischen
Situation.98
Gerade in der alltäglichen Praxis ist das historische Foto nach wie vor ein
Mittel, um Meinungen eine gewisse „Anschauung mit Beweisanspruch“ zu
verleihen. Hier besteht häufig noch der naive Glaube an die Evidenz des
optisch-sinnlich Fassbaren, an die historische „Echtheit“ der Fotografie, die
scheinbar keiner Rückfrage mehr bedarf. Als vermeintlich evidentes Doku-
ment verlangt es somit keine begriffliche Deutung, wie dies bei schriftlichen
Quellen der Fall ist. Selbst im professionellen Bereich dient historisches Bild-
material oft nur als optischer Reizverstärker, als Präsentation der vergange-
nen Wirklichkeit.99
Ein ernsthaftes Eingehen auf Fotos als historische Quelle bedeutet, ähnlich
wie bei schriftlichen Dokumenten, Quellenkritik zu üben und nach den äuße-
ren wie inneren Merkmalen ihrer Entstehung zu fragen. Dies kann sich aller-
dings insofern als problematisch herausstellen, als vielfach genaue Angaben
über Ort, Zeit und vor allem Umstände ihrer Entstehung fehlen. Auch nach
dem Autor/Fotografen und seiner Sicht auf die Ereignisse müsste gefragt
werden. Oft gestaltet es sich jedoch als schwierig, grundlegende Informati-
onen über den historischen Kontext fotografischer Dokumente zu ermitteln.
Im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte der Bilder ist zudem re-
levant, mit welchem Ziel bzw. in wessen Auftrag die jeweiligen Aufnahmen
gemacht wurden. Dabei stellt sich unter anderem die Frage, ob der Autor – etwa
im Rahmen einer militärischen Hierarchie oder einer kommerziellen Bildver-
97 Peter Jahn, Einleitung, in: Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hg.), Das mitfühlende
Objektiv. Michail Sawin. Kriegsfotografie 1941–1945. Sopereživajuščij ob’ektiv. Michail Savin. Vo-
ennaja fotografija 1941–1945 gg. Berlin 1998, S. 7–12, hier: S. 8.
98 Ebd., S. 10.
99 Ebd., S. 8.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918