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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Bilder der Besatzung654 In anderen Fällen wurde mittels Inszenierung versucht, einen wirklichen Vor- gang nachzustellen und ihm nachträglich einen dramatisch zugespitzten Ak- zent zu verleihen. Es wurden aber auch symbolträchtige Sujets konstruiert bzw. geschichtliche Ereignisse schlicht gefälscht. Viele der inszenierten Fotos weisen ein wenig von jeder dieser Charakteristiken auf, wie etwa die erwähnte Aufnah- me der Aufrichtung der Siegerfahne auf dem Berliner Reichstag zeigt.106 Ein besonders bekanntes Foto Chaldejs porträtiert eine Gruppe von Rot- armisten, die vor dem Hintergrund eines brennenden Hauses über eine am Boden liegende Hakenkreuzfahne marschiert. Der Fotograf, der das Bild „Auf dem Weg nach Deutschland“ betitelte, erklärte: „Der Besitzer des Hauses war Leiter eines Konzentrationslagers.“ Tatsächlich handelte es sich um einen Tierarzt in Kirchschlag in der Buckligen Welt, der als niederer NS-Funktionär vor den Sowjets Richtung Westen geflohen war. Einheimi- sche vermuten als Grund für die Brandlegung, dass hier NS-Literatur und die besagte Fahne gefunden worden wären. Chaldej erklärte später, er habe das Haus selbst angezündet,107 nicht aber die Fahne extra dort hingelegt, ob- wohl dies „alle sagen“ würden.108 „Alles an diesem Bild erscheint inszeniert“, meint Erich Klein in diesem Zusammenhang. Ein ganzer Film wurde aufge- nommen, bis das Haus schließlich in der Nacht bis auf die Grundmauern nie- dergebrannt war. Die Botschaft des Fotos mit der im Straßenstaub liegenden Fahne als Symbol für das NS-Regime, das die Rote Armee mit Füßen tritt, ähnelt solch theatralischen Gesten wie dem Zerstören von NS-Insignien. Sie lässt sich auf das Motto reduzieren: „Der Faschismus ist besiegt. Hoch lebe das siegreiche Sowjetvolk!“ Propagandafotos wie dieses dienen in erster Linie zur Legitimation.109 Klar tritt die Inszenierung auch bei jenem Foto zutage, das sowjetische Panzer – offenbar Ende März 1945 – beim Passieren der österreichischen Grenze zeigt. Markant ist das in den Vordergrund gerückte, mit der kyril- lischen Aufschrift „Avstrija“ („Österreich“) versehene Schild, an dem ein Rotarmist posiert. Chaldej schrieb dieses „Grenzschild“ selbst, wie er später konstatierte. Dem sowjetischen Publikum sollte es wohl unmissverständlich signalisieren, welches Territorium hier von der siegreichen Roten Armee er- obert wurde.110 106 Jahn, Einleitung, S. 9. Vgl. zu den Fotos vom Reichstag auch: Ernst Volland, Die Flagge des Sieges, in: Ernst Volland – Heinz Krimmer (Hg.), Jewgeni Chaldej. Der bedeutende Augenblick. Leipzig 2008, S. 110–123. 107 Klein, Die Russen in Wien, S. 13, 43. 108 Chaldej, Der Große Vaterländische Krieg, S. 77. 109 Klein, Die Russen in Wien, S. 13, 43. 110 Ebd., S. 44f.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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