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I. Bilder der
Besatzung654
In anderen Fällen wurde mittels Inszenierung versucht, einen wirklichen Vor-
gang nachzustellen und ihm nachträglich einen dramatisch zugespitzten Ak-
zent zu verleihen. Es wurden aber auch symbolträchtige Sujets konstruiert bzw.
geschichtliche Ereignisse schlicht gefälscht. Viele der inszenierten Fotos weisen
ein wenig von jeder dieser Charakteristiken auf, wie etwa die erwähnte Aufnah-
me der Aufrichtung der Siegerfahne auf dem Berliner Reichstag zeigt.106
Ein besonders bekanntes Foto Chaldejs porträtiert eine Gruppe von Rot-
armisten, die vor dem Hintergrund eines brennenden Hauses über eine am
Boden liegende Hakenkreuzfahne marschiert. Der Fotograf, der das Bild
„Auf dem Weg nach Deutschland“ betitelte, erklärte: „Der Besitzer des
Hauses war Leiter eines Konzentrationslagers.“ Tatsächlich handelte es sich
um einen Tierarzt in Kirchschlag in der Buckligen Welt, der als niederer
NS-Funktionär vor den Sowjets Richtung Westen geflohen war. Einheimi-
sche vermuten als Grund für die Brandlegung, dass hier NS-Literatur und
die besagte Fahne gefunden worden wären. Chaldej erklärte später, er habe
das Haus selbst angezündet,107 nicht aber die Fahne extra dort hingelegt, ob-
wohl dies „alle sagen“ würden.108 „Alles an diesem Bild erscheint inszeniert“,
meint Erich Klein in diesem Zusammenhang. Ein ganzer Film wurde aufge-
nommen, bis das Haus schließlich in der Nacht bis auf die Grundmauern nie-
dergebrannt war. Die Botschaft des Fotos mit der im Straßenstaub liegenden
Fahne als Symbol für das NS-Regime, das die Rote Armee mit Füßen tritt,
ähnelt solch theatralischen Gesten wie dem Zerstören von NS-Insignien. Sie
lässt sich auf das Motto reduzieren: „Der Faschismus ist besiegt. Hoch lebe
das siegreiche Sowjetvolk!“ Propagandafotos wie dieses dienen in erster Linie
zur Legitimation.109
Klar tritt die Inszenierung auch bei jenem Foto zutage, das sowjetische
Panzer – offenbar Ende März 1945 – beim Passieren der österreichischen
Grenze zeigt. Markant ist das in den Vordergrund gerückte, mit der kyril-
lischen Aufschrift „Avstrija“ („Österreich“) versehene Schild, an dem ein
Rotarmist posiert. Chaldej schrieb dieses „Grenzschild“ selbst, wie er später
konstatierte. Dem sowjetischen Publikum sollte es wohl unmissverständlich
signalisieren, welches Territorium hier von der siegreichen Roten Armee er-
obert wurde.110
106 Jahn, Einleitung, S. 9. Vgl. zu den Fotos vom Reichstag auch: Ernst Volland, Die Flagge des Sieges,
in: Ernst Volland – Heinz Krimmer (Hg.), Jewgeni Chaldej. Der bedeutende Augenblick. Leipzig
2008, S. 110–123.
107 Klein, Die Russen in Wien, S. 13, 43.
108 Chaldej, Der Große Vaterländische Krieg, S. 77.
109 Klein, Die Russen in Wien, S. 13, 43.
110 Ebd., S. 44f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918