Seite - 657 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. Fotografien 657
Ähnlich wie bei den Dokumentarfilmen sollen diese Sujets dazu dienen, die
Befreiungsmission der Roten Armee und die – nicht zuletzt auf der Moskau-
er Deklaration beruhende – Unterscheidung zwischen „Österreichern“ und
„Deutschen“ zu verdeutlichen.
Das dichotomische Denken in Freund- und Feind-Kategorien bringt auch
die Fotoserie über die Familie eines Nationalsozialisten zum Ausdruck, der
aus Angst vor der Roten Armee seine Frau, seine Kinder und schließlich
sich selbst erschoss. Abgebildet wurden zudem Stabsoffiziere der 4. Garde-
Armee, Oberst Dmitrij Šepilov, das Mitglied des Militärrats, Generaloberst
Nikanor Zachvataev, und Adjutanten beim Lokalaugenschein. Als Kontrast
dazu hielt Chaldej nationalsozialistische Propagandaplakate fest, auf denen
etwa ein Skelett zu sehen ist, das mit der charakteristischen Budennyi-Mütze
und einem Maschinengewehr über einen Totenschädel marschiert: „Bolsche-
wismus ist Sklaverei, Vergewaltigung, Massenmord, Vernichtung. Wehrt
Euch! Kampf bis zum Sieg! Kapitulation niemals!“120 Zachvataev brachte die
Aussage dieser Szene und die – beabsichtigte – Wirkung der Bilder auf den
Punkt: „Das ruhmlose Ende eines Fanatikers.“121
Die Fotokorrespondenten hatten natürlich Zutritt zu Ereignissen auf
höchster politischer Ebene, etwa zur Angelobung der provisorischen Regie-
rung Renner. Ganze Bildserien wurden im April 1945 Karl Renner und der
Übergabe des Parlaments durch den Kommandanten Wiens, General Aleksej
Blagodatov, gewidmet.122 In der öffentlichen Erinnerung der Nachkriegszeit
hatte die Tradierung solcher Fotos die Funktion, dem sowjetischen Publikum
den Jubel und die Dankbarkeit unter der österreichischen Bevölkerung für
den Einsatz der Roten Armee näherzubringen. Der Ruhm gebühre den sow-
jetischen Soldaten, die Österreich die Wiedergeburt gebracht hätten, legen die
Bildlesekonventionen als Interpretation nahe.
Doch erlauben gerade diese Fotos auch eine andere Lesart. Die Aufnah-
men der Angelobung vom 29. April 1945, die Staatskanzler Renner Seite an
Seite mit sowjetischen Militärs vor dem Wiener Parlament zeigen, trugen
nicht unbedingt dazu bei, das Misstrauen unter den Westmächten gegenüber
der provisorischen Regierung zu zerstreuen.123 Sie interpretierten die Anwe-
senheit sowjetischer Repräsentanten als Zeichen dafür, dass Stalin hier erneut
eine Marionettenregierung geschaffen hatte. Die Wirkung ein und derselben
Fotoberichterstattung hätte kaum unterschiedlicher sein können.
120 Siehe etwa die Aufnahmen in ebd., S. 156f.
121 Zit. nach ebd., S. 156.
122 Siehe etwa die Aufnahmen in ebd., S. 185–196.
123 Stelzl-Marx, Die Wiedervereinigung, S. 200.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918