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II. Medium der
Besatzung674
selbst die Militärpostnummer 48828-A, später 21561,15 angegeben. Dorthin
konnte man sich auch für Bewerbungen – etwa für den Posten als Funker –
wenden.16 Egor Isaev, der von 1946 bis 1949 als Funker für das Blatt arbeitete
und in der Nacht die Meldungen der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS
in Empfang nahm, erinnert sich, dass die Redaktion neben dem Chefredak-
teur Semen Iosifovič Žukov aus einem Oberstleutnant und einem Leutnant
bestand. Auch Fotografen und Karikaturisten, darunter ein Künstler namens
Inčin, arbeiteten für die Zeitung.17
1.1.1 Zensur und Spionage
Abgesehen von seiner Tätigkeit als Funker schrieb Isaev – wie etwa auch der
später in der Sowjetunion angesehene Prosaiker18 und „Held der sozialisti-
schen Arbeit“ Michail Alekseev – Artikel über das „Soldatenleben“ in Ös-
terreich. Alekseev arbeitete in der Abteilung für Gefechtsausbildung, Isaev
und sein Kollege Semen Borzunov in der Abteilung für Propaganda. Hinzu
kamen auch Artikel, welche die Propagandalinie des Blattes wiedergaben,
etwa der von Alekseev mitverfasste Beitrag mit dem symptomatischen Titel
„Mit unseren eigenen Augen sehen wir die ganze Lüge und Ungerechtigkeit
der bourgeoisen Gesellschaft“.19 Die spezielle Militärzensur, der sie unterla-
gen, erklärt Isaev mit der Tätigkeit westlicher Nachrichtendienste: „In der
Armee gab es ja viele Geheimnisse. Das ist verboten, und das ist verboten,
und das. Irgendein Objekt – darüber zu schreiben, war verboten. Das gehörte
zur Liste. Denn wir machten dort [im Ausland] Dienst. Und die Spione der
anderen studieren unsere Materialien, und sie finden Kreuzungen, Koordi-
naten, bestimmte Orte. Denn Spione bleiben Spione. Und deswegen gab es
die Zensur.“20
Umgekehrt waren aber auch Mitarbeiter der sowjetischen Spionageab-
wehr „Smerš“ in der Redaktion aktiv. Alekseev glaubt, diese hätten ihn we-
gen seiner guten Kontakte zur örtlichen Bevölkerung als „gefährlichen Men-
15 Vgl. etwa: Za čest’ Rodiny, 18.8.1955, S. 4.
16 Redakcija gazety „Za čest’ Rodiny“ trebuetsja kvalificirovannye radisty, in: Za čest’ Rodiny,
5.3.1947, S. 8.
17 OHI, Isaev. Durchgeführt von Stelzl-Marx.
18 Alekseevs erstes Werk, der umfangreiche Roman „Soldaty“, erschien 1951. Er fand zu dieser Zeit
wegen der heroischen Darstellung der Sowjetischen Armee Anerkennung. Vgl. Wolfgang Kasack,
Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Vom Beginn des Jahrhunderts bis zum Ende
der Sowjetära. 2., neu bearbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. München 1992, S. 35f.
19 M. Alekseev – V. Malafeev, Svoimi glazami my vidim vsju lož’ i nespravedlivost’ buržuaznogo
obščestva, in: Za čest’ Rodiny, 7.9.1947, S. 5.
20 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918