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II. Medium der
Besatzung686
scher Soldaten über die bourgeoise Wirklichkeit“ und proklamierte beschwö-
rend: „Verachtung und Abscheu ruft in unseren Herzen das kapitalistische
System hervor.“81 Auch unter der Rubrik „Bei uns und bei ihnen“ wurde auf
„tragische“ Folgen des „kapitalistischen Scheusals“ hingewiesen, welches
„das Blut aus dem Volk saugt“. Hingegen spiegle sich „all unsere wunderba-
re sozialistische Wirklichkeit im Leben einer normalen sowjetischen Familie“
wider. Denn: „Die sowjetische Macht, die bolschewistische Partei und Ge-
nosse Stalin haben für die sowjetischen Menschen ein freies und glückliches
Leben bewirkt.“82 Auch sei die „kommunistische Gesellschaft“ durch eine
„gigantische Steigerung der industriellen und landwirtschaftlichen Produkti-
on“ geprägt, betonte ein langer Artikel den graduellen Übergang zum Kom-
munismus.83
Der Beitrag „Bei ihnen und bei uns“ prangerte zudem die mangelnde Ver-
ehrung großer Komponisten und Künstler im kapitalistischen System an.
Beispielsweise verfalle ein Wohnhaus von Joseph Haydn, da es einem Bau-
ern gehöre, der „nicht viel vom großen Komponisten hält“. Im Gegensatz
dazu würden in der Sowjetunion sämtliche mit Revolutionären, Komponis-
ten, Künstlern oder Schriftstellern verbundenen Orte „wie ein Heiligtum“
gepflegt. Hier gebe es üblicherweise keine Schwierigkeiten, weil „das Volk
selbst Eigentümer aller Ländereien, aller Häuser und Finanzen ist. Wir hän-
gen weder von Kapitalisten noch von adeligen Gutsbesitzern ab.“84 Einmal
mehr wurde damit die große Verehrung österreichischer Komponisten und
Künstler durch sowjetische Besatzungssoldaten betont, wobei man zudem
der festen Überzeugung einer systembedingten kulturellen Überlegenheit
gegenüber der „kapitalistischen Ordnung“ Ausdruck verlieh.
Gerade der direkte, plakative Vergleich der beiden Systeme durch eine
konstante Verteufelung des Kapitalismus und eine nahezu pathetische Be-
tonung der Überlegenheit des sozialistischen Systems sollte die – in einem
kapitalistischen Land – stationierten sowjetischen Besatzungssoldaten gegen
etwaige Versuchungen ihrer „bourgeoisen“ Umgebung immun machen. Da-
her wurde auch permanent auf kapitalistische „Begleiterscheinungen“ wie
Hunger, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Armut hingewiesen, die sich
den Armeeangehörigen eventuell nicht durch ihre persönlichen Erfahrungen
erschlossen. Moskau war sich bewusst, wie sehr die dem Sozialismus „frem-
81 Prezrenie i otvraščenie vyzvyvaet v našich serdcach kapitalističeskij stroj. Pis’ma sovetskich voinov
o buržuaznoj dejstvitel’nosti, in: Za čest’ Rodiny, 16.1.1948, S. 6.
82 U nas i u nich. Sčast’e sovetskich ljudej, in: Za čest’ Rodiny, 30.4.1949, S. 7.
83 I. Ančiškin, Puti zaveršenija stroitel’stva socializma i postepennogo perechoda k kommunizmu, in:
Za čest’ Rodiny, 15.12.1946, S. 4.
84 U nich i u nas, in: Za čest’ Rodiny, 17.5.1946, S. 2.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918