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III. FORMEN DER ERINNERUNG
Im Folgenden stehen die retrospektive Auf- bzw. Verarbeitung der Besat-
zungserfahrung aus sowjetischer Sicht, der Umgang in der Gesellschaft mit
diesem Thema sowie die öffentliche wie private Erinnerung im Vordergrund.
In diesem Zusammenhang ist insbesondere auch die Rolle des sowjetischen
Nachkriegssystems von Interesse, das den ehemaligen Besatzungssoldaten
bis in die 1980er Jahre beispielsweise Kontakte zu Österreichern (insbeson-
dere zu ehemaligen österreichischen Geliebten oder in Österreich geborenen
Besatzungskindern) weitestgehend untersagte. Auf der anderen Seite wurde
gerade der endgültige, triumphale Sieg über Deutschland und seine Verbün-
deten zu einem nationalen Feiertag hochstilisiert, der bis heute mit großem
Aufwand begangen wird. Institutionalisiertes und privates Erinnern sind
daher nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern beeinflussten ei-
nander nicht unwesentlich. Insofern stellt sich die Frage, inwieweit Zensur
bzw. restriktive Politik die literarische Tätigkeit ehemaliger sowjetischer
Besatzungssoldaten beeinflusste oder sogar verhinderte. Dieser Problem-
stellung liegt das Ziel zugrunde, die Rolle des sowjetischen und postsowjeti-
schen Nachkriegssystems bezüglich der – nicht nur schriftlichen – Erin-
nerung aufzuzeigen.
1. Institutionalisierte Erinnerung im Wandel
1.1 Rituale und Inszenierungen zu jährlichen Feierlichkeiten
„Wien, die Alpen und die Donau erinnern sich an den blühenden, singen-
den, klaren Mai“, lautet der Refrain eines beliebten Liedes der 4. Garde-Ar-
mee, die im Frühjahr 1945 an der „Einnahme Wiens“ beteiligt war. Bis heute
singen die Veteranen bei ihren jährlichen Treffen dieses Lied und rezitieren
Gedichte vom „heroischen Mai“ 1945. Die Erinnerung an den „Großen Va-
terländischen Krieg“ und die Befreiung Europas vom „Faschismus“ nimmt
im historischen Selbstverständnis der heutigen russischen Gesellschaft einen
mindestens ebenso großen Stellenwert ein wie in den Jahrzehnten vor dem
Zerfall der Sowjetunion. Schließlich haben traditionelle sowjetische Themen
wie die Große Oktoberrevolution, der siegreiche Bürgerkrieg oder die Erfol-
ge des kommunistischen Sozial- und Wirtschaftssystems ihren Glanz als his-
torische Erfolgsgeschichten längst eingebüßt. Zugleich rücken Stalins Mas-
senverbrechen – vor allem gegen die eigene Bevölkerung – immer mehr in
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918