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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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1. Institutionalisierte Erinnerung im Wandel 695 gen an die Kriegszeit wachzuhalten. Sie singen traditionelle Lieder, essen mitgebrachte Speisen und stoßen auf den Sieg, mitunter auch auf Stalin, an. In Moskau werden alljährlich im Gor’kij-Park improvisierte Festtafeln aufge- stellt. Auch weibliche Kriegsteilnehmerinnen, die in der breiten öffentlichen Repräsentanz der Veteranen jahrzehntelang kaum wahrzunehmen gewesen waren, treffen sich an diesem Tag und rufen sich die gemeinsame Zeit an der Front in Erinnerung. Neben den öffentlichen Ritualen sind es gerade die pri- vaten Zusammenkünfte, die den „Tag des Sieges“ zu einem willkommenen Feiertag machen.9 1.1.2 Aktuelle Instrumentalisierung und Maßnahmen gegen die „Verfälschung“ Gerade in der jüngsten Vergangenheit diente der „Tag des Sieges“ zur De- monstration eines – neuerlich erstarkten – Selbstbewusstseins Russlands, sei- ner Rolle als Großmacht und militärischen Stärke: 2005 wurde das Jubiläum so feierlich wie noch nie in der postsowjetischen Zeit begangen. Die Fehler und Verbrechen der sowjetischen Führung, die militärischen Verluste, die Deportationen und Millionen Kriegsgefangenen wurden dabei ausgeklam- mert.10 2008 wurde erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion eine spektaku- läre Militärparade auf dem Roten Platz mit Panzern und sogar Interkontinen- talraketen vom Typ Topol-M abgehalten.11 In Ermangelung anderer gesellschaftlicher Bindemittel entwickelte sich der Sieg über den Faschismus zum Hauptpfeiler der nationalen Identität, weswegen der Sieg mit kollektiven Ritualen des Siegerkultes reproduziert wird. Emotional und moralisch bedient die postsowjetische Erinnerungskul- tur den Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit, die in die als weniger glor- reich empfundene Gegenwart hineinreicht und die – ungeachtet der Schre- ckensherrschaft Stalins – weitestgehend als nicht belastet gilt. Der schwierige Alltag der Kriegsgeneration kommt dabei ebenso wenig zur Sprache wie die Frage, warum der Preis des Sieges mit 27 Millionen Toten so hoch war.12 Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Vla- dimir Putin 2001 anlässlich einer Begegnung mit Historikern forderte, die Verdienste des siegreichen Russlands, insbesondere die Rolle seiner Gene- 9 Ebd., S. 20, 144–156; Jahn, Mascha + Nina + Katjuscha, S. 166. 10 Arsenij Roginskij, Erinnerung und Freiheit. Die Stalinismus-Diskussion in der UdSSR und Russ- land, in: Osteuropa. 2011/4, S. 55–70, hier: S. 63. 11 Wieder Siegesparade, in: Die Presse, 6.3.2008, S. 7. 12 Jutta Scherrer, Russlands neue-alte Erinnerungsorte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. 2006/11, S. 24–28, hier: S. 26.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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