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1. Institutionalisierte Erinnerung im Wandel 697
wie sensibel die heutige russische Führung auf Versuche reagiert, den Mythos
des Sieges über Deutschland infrage zu stellen. Der Erinnerungskult wird so-
wohl im privaten wie auch im öffentlichen Gedächtnis zelebriert. Bis heute
sehen viele die Erinnerung an den Krieg als Teil eines „genetischen Volksge-
dächtnisses“. Gerade einschlägigen Orten der Erinnerung kommt dabei die
Rolle zu, den Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit aufrechtzuerhalten.
1.2 Orte der Erinnerung
Über Jahrzehnte wurde die Erinnerung an den „Großen Vaterländischen
Krieg“ in den verschiedensten Ausdrucksformen wachgehalten und immer
wieder neu aktiviert, wodurch sie sich zu einem tief verinnerlichten kultu-
rellen Handlungsrahmen entwickelte. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten
Gedenkstätten und Museen, die als Bestandteil der privaten Lebenswelt zu
unterschiedlichen Anlässen besucht werden. Zu diesem ritualisierten Kriegs-
gedächtnis zählt etwa, dass Brautpaare das „Ewige Feuer“, das Grab des Un-
bekannten Soldaten oder andere Gedenkstätten aufsuchen und dort im Ge-
denken an die Toten des Krieges Blumen niederlegen.20
Bald nach Kriegsende ließ die Sowjetunion die ersten großen Denkmä-
ler und Denkmalensembles zur Erinnerung an die gefallenen sowjetischen
Soldaten errichten – allerdings nicht im eigenen Land, sondern in den sow-
jetisch besetzten Teilen Deutschlands und Österreichs sowie in Osteuropa.
Bereits 1945 wurden in Wien, Warschau und Königsberg/Kaliningrad Hel-
dendenkmäler der Roten Armee enthüllt,21 1947 entstand das Denkmal für
die sowjetischen Soldaten auf dem Budapester Gellertberg, und 1949 wurde
in Berlin-Treptow das größte von insgesamt drei sowjetischen Ehrenmalen
eingeweiht.22 Die Kriegerdenkmäler sind nicht nur ein Erinnerungszeichen an
die Gefallenen, sondern auch ein öffentliches Bekenntnis zu den Soldaten.23
Ähnlich wie die Kriegerdenkmäler für gefallene Wehrmachtssoldaten in Ös-
terreich fungierte diese Kategorie der Gefallenendenkmäler gewissermaßen
als „Norm kollektiven Erinnerns“.24
20 Jahn, Triumph und Trauma, S. 166–171.
21 Siehe dazu auch das Kapitel B.III.3.1.3 „Steinernes Gedächtnis“ in diesem Band.
22 Jahn, Triumph und Trauma, S. 92–97.
23 Heidemarie Uhl, Erinnern und Vergessen. Denkmäler zur Erinnerung an die Opfer der national-
sozialistischen Gewaltherrschaft und an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges in Graz und in
der Steiermark, in: Stefan Riesenfellner – Heidemarie Uhl (Hg.), Todeszeichen. Zeitgeschichtliche
Denkmalkultur. Wien – Köln – Weimar 1994, S. 111–195, hier: S. 150f.
24 Heidemarie Uhl, Transformationen des österreichischen Gedächtnisses. Geschichtspolitik und
Denkmalkultur in der Zweiten Republik, in: Ulf Brunnbauer (Hg.), Eiszeit der Erinnerung. Vom
Vergessen der eigenen Schuld. Wien 1999, S. 49–64, hier: S. 54.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918