Seite - 700 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 700 -
Text der Seite - 700 -
III. Formen der
Erinnerung700
bevor er sich mit der russischen Hauptstreitmacht aus Moskau zurückzog.
Wenig später erblickte Napoleon von derselben Stelle die Hauptstadt, die
bald darauf in Flammen aufging, was den vernichtenden Rückzug der Gran-
de Armée einleiten sollte. Dadurch schließt sich an diesem Ort der Kreis der
Sakralisierung militärischer Siege im „Vaterländischen“ und im „Großen Va-
terländischen Krieg“.33
Einen bedeutenden Platz nimmt das Ende des Zweiten Weltkrieges auch
im Moskauer Zentralmuseum der Streitkräfte ein, das in insgesamt 24 Räu-
men die Geschichte der Russischen bzw. Sowjetischen Armee und Marine
vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zeigt. Im Zentrum des
1919 gegründeten und in den 1970er Jahren neu gebauten Museums befindet
sich der Siegessaal mit der am 2. Mai 1945 auf dem Berliner Reichstagsge-
bäude gehissten sowjetischen Fahne. Der Schlacht um Wien als Etappe zum
triumphalen Sieg über Deutschland wird in eigenen Vitrinen gedacht. Auch
die Marschälle Tolbuchin und Konev werden porträtiert. Bezeichnenderwei-
se findet die zehnjährige Besatzung Österreichs durch sowjetische Truppen
keine Erwähnung. Im Gegensatz zur Befreiung des Landes wird dieser Phase
offensichtlich die positive Konnotation oder schlicht die Bedeutung innerhalb
des Erinnerungskanons abgesprochen.34
All diese Einrichtungen erzählen das Heldenepos der ruhmreichen Roten
Armee weiter, wobei die martialische, ans Bombastische grenzende Form der
Inszenierung der öffentlichen Erinnerung an den Krieg zumindest für den
westlichen Besucher antiquiert oder überfrachtet wirkt. Die Schattenseiten
von Krieg und Besatzung bzw. die Rolle der Sowjetischen Armee als Besat-
zungsarmee bleiben dabei weitestgehend ausgeklammert. Sie hätten wohl die
Sakralität, die dem Krieg durch die große Zahl der Opfer zufiel, angegriffen.
Vielfach gilt auch heute noch jede Kritik als Sakrileg, die vor allem in der Rus-
sischen Föderation als unpatriotisch empfunden wird.
1.2.1 Museum der 4. Garde-Armee
In der öffentlichen Erinnerung der ehemaligen Sowjetunion nehmen die mi-
litärischen Ereignisse in Österreich 1945 einen vergleichsweise untergeord-
neten Stellenwert ein. So steht die Schlacht um Wien eindeutig im Schatten
des in Berlin errungenen Sieges über „Hitler-Deutschland“, was sich gerade
33 Lars Karl, „Den Verteidigern der russischen Erde …“. Poklonnaja Gora: Erinnerungskultur im post-
kommunistischen Russland, in: Zeitgeschichte-online, Thema: Die Russische Erinnerung an den
„Großen Vaterländischen Krieg“, in: http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/_rainbow/docu-
ments/pdf/russerinn/polianski.pdf. 13.5.2005, 17.05 Uhr.
34 Central’nyj Muzej Vooružennych Sil. The Central Armed Forces Museum. Broschüre. O. O. o. J.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918