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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 710 -
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III. Formen der Erinnerung710 Seine Sympathie konnte der Hausherr scheinbar trotzdem nicht gewinnen. Denn einerseits fand Ėpštein eine nationalsozialistische Propagandabroschü- re, die offensichtlich in seinem Zimmer vergessen worden war: „Ich verstand, dass das ein Buch über die Gräueltaten der Bolschewiken war. Irgendwo. Ich zeigte es ihm plötzlich, aber sofort trat die effektive theatralische Pause ein, und zu meiner großen Verwunderung ruft er seine Frau, die ich wahrschein- lich überhaupt zum ersten Mal sah.“64 Andererseits beschwert er sich, dass er im Haus eines „Kapitalisten“ schlecht versorgt wurde: „Ich aß sehr beschei- den, gerade so, dass ich nicht verhungerte. […] Ein Teller Suppe – vielleicht hatten sie ja selber Schwierigkeiten mit der Versorgung. Verstehen Sie, Ka- pitalist hin oder her, und wohnt in einer Wohnung, eine Wohnung mit vier oder fünf Zimmern. Ein Zimmer gaben sie einfach mir, und in die anderen ging ich nicht. Eine Toilette, ein Bad gab es.“65 Die eigentlichen Probleme des Wieners kann der Veteran anscheinend nicht nachvollziehen: die Angst vor der Roten Armee, die in seine Woh- nung eindrang, die Gefahr, die von den Soldaten für seine Frau und seine beiden minderjährigen Töchter ausging, die Ėpštein ebenfalls nur im Zuge des Streits wegen der Propagandabroschüre zu Gesicht bekam, der Grund für den Versuch, die Familie durch das russische „Dokument“ zu schützen, und schließlich die katastrophale Versorgungslage in Wien 1945. In diesem Fall kam der sowjetische Besatzungssoldat mit der privaten Welt Österreichs zwar unmittelbar in Berührung, doch blieb ihm diese – wahrscheinlich gera- de auch wegen der Sprachbarriere – offensichtlich fremd. Ähnlich schätzt Elena Evtichieva, 1915 in Moskau geboren, die Beziehung zur österreichischen Bevölkerung ein. Die pensionierte Ärztin, die 1945 als Hauptmann des medizinischen Dienstes in Wien stationiert war, beschreibt die – wahrscheinlich nicht ganz freiwillige – Hilfsbereitschaft Einheimischer: „Sie halfen üblicherweise so: Wir kamen in einen Ort, wählten die Räumlich- keiten für das medizinisch-sanitäre Bataillon aus, trugen unsere Ausrüstung dorthin, die Instrumente, richteten alles ein für die Operationen, die Versor- gung, sie halfen uns normalerweise beim Hinaustragen, Hinaustragen der Möbel, die nicht gebraucht wurden. An einem Ort beschlagnahmten wir bei- spielsweise ein Gebäude, wo es Unmengen an Musikinstrumenten und Noten gab, und all das haben wir natürlich hinausgeworfen, haben das medizinisch- sanitäre Bataillon eingerichtet. Sie halfen, halfen – aber eigentlich brauchten wir gar keine andere Hilfe, denn Gebäude gab es mehr als genug.“66 64 Ebd. 65 Ebd. 66 OHI, Elena Evtichieva. Durchgeführt von Sergej Drobjasko. Moskau 11.12.2002.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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