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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 711
Ab 1947 begleitete sie ihren Mann, der als Epidemiologe bei der CGV tätig
war, für beinahe zwei Jahre erneut nach Österreich. Der engste Kontakt mit
der Bevölkerung ergab sich durch die Unterbringung in einem Privathaus
in Hinterbrühl: „Wir wohnten dort in einem Haus, in dem auch Österrei-
cher wohnten. Ich würde sagen, sie verhielten sich uns gegenüber gut, bis
zu einem gewissen Grad bedienten sie uns, halfen etwas, obwohl sie Hun-
ger hatten: Um die Versorgung stand es bei ihnen sehr schlecht.“ Im Großen
und Ganzen seien sie jedoch „unter sich und wir unter uns“ geblieben, be-
tont Evtichieva. Die in ihren Augen zwar distanzierte, aber nicht feindliche
Haltung der Bevölkerung gegenüber den sowjetischen Besatzern fasst sie ab-
schließend als „normale Beziehung“ zusammen: „Es gab nichts Schlechtes.
Wenigstens gab es keine Angriffe auf uns, es gab dort keine Terroristen, sie
attackierten uns nicht mit Sprengstoff und vergifteten uns nicht.“67
Der Offizier Nikolaj Paščenko sieht den wichtigsten Grund für die seiner
Meinung nach äußerst freundliche Haltung gegenüber der Roten Armee da-
rin, dass die Bevölkerung sie „voll Freude“ als „Befreierin vom Faschismus“
würdigte. Diese Einstellung wurde zudem gezielt in der Schulung der Sol-
daten vermittelt, betont der spätere Diplomat: „Unsere Hauptaufgabe hing
mit dem Befehl über die Organisation der erzieherischen Arbeit unter den
Soldaten zusammen, damit, ihnen beizubringen, dass vor uns nicht der Feind
steht, sondern dass wir uns in einem Land befinden, das sich uns gegenüber
freundlich verhält, da wir ihm bei der Befreiung vom faschistischen Regime
geholfen hatten. Dass das tatsächlich so war, sahen wir in den Augen der ös-
terreichischen Bevölkerung, die wir jeden Tag trafen, da wir Offiziere in den
Wohnungen österreichischer Bürger wohnten. Wir sahen ihre Einstellung
67 Ebd. Abb. 118: Hauptmann des
medizinischen Dienstes
Elena Evtichieva (rechts
vorne) mit Krankenschwe-
stern des medizinisch-
sanitären Bataillons der
252. Schützendivision der 2.
Ukrainischen Front in Wien
1945. (Quelle: AdBIK,
Sammlung Evtichieva)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918