Seite - 718 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 718 -
Text der Seite - 718 -
III. Formen der
Erinnerung718
lichen Zeitzeugen, deren Liebesbeziehungen mit Österreicherinnen nicht von
Dauer waren, sind ihre Erinnerungen nicht von Wehmut überschattet: „In
Österreich, in Baden, befand sich der Stab der Front, wahrscheinlich drei Mo-
nate. Und Österreich gefiel mir sehr. Dort gibt es so wunderbare Menschen,
die Stadt selbst ist ausgezeichnet, dort gibt es solche Schwimmbäder, rundhe-
rum hohe Bäume, ähnlich wie unsere Trauerweiden, deren Äste bis zur Erde
hingen. Und all das war für mich sehr interessant. Die Menschen sind dort
sehr freundlich, gut, uns gegenüber verhielten sie sich ausnahmslos … Und
außerdem entschloss ich mich, dort [einen Kameraden] zu heiraten und, wie
sich zeigte, brachte ich dort auch meine Tochter auf die Welt.“92
2.1.5 Strauß-Idylle zu Kriegsende
Ein besonders typisches und ausgesprochen positiv konnotiertes Thema,
das in vielen der Interviews zur Sprache kommt, ist Wien bzw. Österreich
als musikalische Hauptstadt Europas. Berühmte österreichische Komponis-
ten, allen voran der in Russland populäre Johann Strauß, werden häufig er-
wähnt, selbst das unmittelbare Kriegsende wird mit Walzerklängen assozi-
iert. Ausschlaggebend hierfür war in erster Linie der Hollywoodfilm „The
Great Waltz“, der ab Juni 1940 unter dem Titel „Bol’šoj val’s“ in den Kinos
der Sowjetunion lief und enorme Popularität erreichte. Viele der Veteranen
hatten den Film bereits vor ihrem Einsatz in Österreich mehrmals gesehen,
weswegen sie nun ihre von der Kinoleinwand geprägten Vorstellungen des
Landes mit der Realität vergleichen und dem geschätzten Komponisten etwa
durch Kranzniederlegungen auf seinem Grab die Ehre erweisen konnten.93
Beispielsweise assoziiert der 1925 in Südrussland geborene Boris Baranči-
kov das in Wien erlebte Kriegsende direkt mit Walzermusik: „Wir spielten
und spielten, den ‚Donauwalzer‘ und alles andere. Und überhaupt tanzten
wir, jubelten, das heißt, die Deutschen tanzten Walzer. All das war, wie soll
man sagen, erhöht. Sieg! Alle hatten auf ihn gewartet, lange gewartet, und
endlich war er da, der lang erwartete Sieg. Solche Erinnerungen habe ich,
sehr berührende, mit Tränen. […] Was kann man noch über Wien sagen? Wir
haben Kränze auf die Gräber gelegt, auf das Grab des Walzerkönigs Strauß.
Und ich war daran auch beteiligt, war beteiligt.“94 Gegen Ende des Interviews
betont Barančikov erneut diese Verknüpfung: „Wir nahmen eine Funkleitstel-
92 Ebd.
93 Siehe dazu auch das Kapitel C.I.1.2 „‚The Great Waltz‘“ in diesem Band. Vgl. Bezborodov – Pavlen-
ko, Erinnerungen an Österreich, S. 403.
94 OHI, Boris Barančikov. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Rostov 1.3.2003.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918