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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 721 sie verhältnismäßig ungehindert in Wohnungen und Häuser eindringen, wo sie – trotz Krieg und Besatzung – einen höheren Lebensstandard vorfanden als in der Heimat.103 Selbst Jahrzehnte später kommt dieser Aspekt – oftmals etwas verschämt oder auch verhärmt – in den Interviews zur Sprache. Bereits während der Besatzungszeit erzählten einige ihren Angehörigen in der Sowjetunion von ihren Eindrücken vom Westen, wodurch sie mitun- ter Träume von einem besseren Leben weckten. Ein Beispiel dafür ist Lena Ševčenko: „Lena’s own urge to experience something better had been fired by descriptions of life in the Russian-occupied zone of Austria. Her Mo- ther was living there with her stepfather […] The clothes she brought back at intervals from Vienna told their own story of vastly superior living stan- dards, even in a country under four-power occupation. The Shevchenkos did not need much persuading that the poorest Austrian peasant was bet- ter housed than they were: their first married home in Moscow had been her stepfather’s single room in a three-room communal apartment in which fifteen people shared one kitchen, toilet and sink. They went to a public ba- thinghouse to bathe.“104 Für viele der Veteranen stellte ihr militärischer Einsatz in Österreich die erste – und oft auch letzte – Möglichkeit dar, einen Blick von „Europa“ zu er- haschen. Nikolaj Golyšev betont etwa, dass er mit seinen Kameraden die Um- gebung einfach erkunden musste, um zu Hause von diesem fremden Land erzählen zu können: „Schließlich befanden wir uns in Europa. Welche Ge- setze gibt es da? Welche Ordnung? Welche Bräuche? Damit wir selbst einen Eindruck davon bekamen. Wenn wir in die Heimat zurückkehren, dass wir berichten können, wie es ist.“105 Österreich schnitt bei ihm, auch im Vergleich mit den Erfahrungen im Rahmen späterer Reisen in den „Ostblock“ und in die Mongolei, sehr gut ab: „Ich war also in meinem Leben in Bulgarien, war in Polen, Ungarn, in Österreich, in der Tschechoslowakei, war, ehrlich gesagt, in der Mongolei. Aber, ehrlich gesagt, die besten Eindrücke erhielt ich in Ös- terreich, in Wien. Das ist so eine schöne Stadt! Solche geraden Straßen, solche Gebäude im gotischen Stil.“106 Auch bei Marija Sljusar’ hinterließ diese Auslandserfahrung einen blei- benden Eindruck. Die 1923 im Gebiet Krasnojar’ geborene Russin arbeitete von 1951 bis 1953 als Sängerin im Ensemble der Zentralen Gruppe der Streit- kräfte, wodurch sie zahlreiche Städte der sowjetischen Besatzungszone in Ös- 103 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.1 „Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle“ in diesem Band. 104 Gordon Brook-Shepherd, The Storm Birds. Soviet Postwar Defectors. New York 1989, S. 253f. 105 OHI, Golyšev. 106 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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