Seite - 723 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 723
nach etwaigen Plünderungen durch sowjetische Militärangehörige verweist
etwa Aleksandr Fadin auf den gepflegten Zustand österreichischer Häuser:
„Wozu soll man etwas nehmen? Was kann er [der Soldat] nehmen? Und
dann … Nun, bei ihnen waren die Wohnungen natürlich sauber, so gepflegt.
Und in den Dörfern, alles ordentlich gebaut, mit Schiefer gedeckt, [nicht wie]
unsere Holzhäuser, wie in der Ukraine, in Moldawien und in unseren Dör-
fern, mit Strohdächern – dort gibt es das natürlich nicht. Sie waren natürlich
viel weiter in dieser Frage, materiell und so weiter. Sie waren viel weiter, das
muss man zugeben.“112
Die Ordnung und Sauberkeit blieben auch Pavel Lancov besonders in Erin-
nerung: „Weswegen es uns dort gefiel und was uns dort gefiel? Diese Sauber-
keit, Ordnung! Das gibt es nicht, dass irgendein Abfall herumliegt, dafür gibt
es einen Kübel. Dort gibt es das nicht! Alles ist aufgeräumt!“113 Der damalige
Artillerist bringt dazu mehrere anschauliche Beispiele, die den Unterschied zu
seiner Heimat veranschaulichen sollen: „Wir gehen, wahrscheinlich zu viert
oder mehr. Unsere Gruppe bestand aus 30 Personen. Dort war also eine Gasse.
Sauber, akkurat, schmal. Kein Verkehr. Eine Ampel. Ich schaute noch so: Ein
Scherz, wozu gibt es hier eine Ampel? Grün: die Österreicher gingen. Rot: die
Österreicher stehen. […] Einer von uns will gehen. ‚Wo zum Teufel willst du
hin?‘ – ‚Was ist? Es kommt kein Auto!‘ Ich sage: ‚Aber die Leute stehen alle.‘
– ‚Und? Sollen sie stehen. Das Wichtigste ist ja, dass kein Auto kommt. Damit
es einen nicht niederführt.‘ Ich sage: ‚Du gehst moskauerisch, aber man muss
sich wienerisch verhalten.‘ So! Dann sah ich kaum, dass jemand rauchte. Sie
stehen dort irgendwo auf der Seite, zwei, drei Personen, unterhalten sich. Dort
raucht jemand. Aber so, dass er gehen und im Gehen rauchen würde? Das gibt
es nicht! Nun, bei den Straßenbahnhaltestellen stehen Urnen. Niemand wirft
die Papirosy neben die Urne, aber alle in die Urne. Bei uns: die Urne steht, die
Urne ist leer, aber neben ihr – ein ganzer Container!“114
Auch andere Veteranen berichten von den guten Manieren der Bevölke-
rung, die sie als offen, ehrlich, gepflegt, freundlich, wohlerzogen, höflich und
diszipliniert beschreiben.115 Evgenij Obolenskij zieht ebenfalls einen Vergleich
zwischen der österreichischen und der russischen Lebensweise: „Wodurch
sie sich von unseren unterschieden? Nun, vielleicht, durch so eine Freiheit,
Ungezwungenheit, Bildung, vielleicht, Intelligenz, Kultur. Schließlich wa-
ren unsere in diesem Sinn etwas schwach sozusagen. […] Sie konnten nicht
112 Ebd.
113 OHI, Lancov.
114 Ebd.
115 OHI, Ovsjuk; OHI, Reformackij. Durchgeführt von Pavlenko.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918