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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 727 -
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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 727 Grundtenor ist: Exzesse gab es keine. Höchstens einzelne, namentlich meist nicht genannte Militärangehörige hätten gegen die Disziplin verstoßen, was allerdings härteste Konsequenzen nach sich gezogen habe. Selten werden Vergewaltigungen oder Ermordungen von Zivilisten er- wähnt. Dabei handle es sich – so der vermittelte Eindruck – um Ausnahme- fälle, wobei meist ein dezidierter Grund für persönliche Rache angeführt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Schilderung von Jurij Temnenko, 1925 in Moskau geboren, der 1945 als Garde-Sergeant bei der Schlacht um Wien mit- kämpfte. „Man kann nicht sagen, dass wir alle Engel gewesen wären. Wa- rum? Bei uns gab es beispielsweise im Regiment einen Stabsfeldwebel. In der Ukraine waren seine Mutter, sein Vater und seine Frau getötet worden, er war bereits ein alter Soldat. Und als wir nach Wien gingen ...“130 An dieser Stelle möchte der Veteran wissen, ob das Interview aufgezeichnet wird, was ihm zunächst nicht recht zu sein scheint, fährt dann aber fort: „Er betrank sich also ordentlich. Ging in ein Haus, ein großes Haus, und erschoss alle, die dort waren. Dort waren viele. Er erschoss alle. Nun, er wurde natürlich auch ver- urteilt und so weiter. Und als er verurteilt wurde, sagt er: ‚Was wollt ihr von mir? Meine Frau erhenkten sie, meine Kinder erhenkten sie – und was soll ich mit ihnen machen?‘ Man sagte ihm: ‚Das waren ja nicht die Österreicher, sondern Deutsche!‘ – ‚Egal, Deutsche. Sie sprechen Deutsch, alles gleich.‘ Of- fensichtlich hielt er es nicht aus, die Nerven.“131 2.2.1 „Plünderungen? Wahrscheinlich hat es sie gegeben“ Plünderungen waren zwar offiziell verboten und wurden mitunter auch ge- ahndet, doch stellte die Ende Dezember 1944 erlassene Erlaubnis, Pakete in die Heimat zu schicken, eine regelrechte Aufforderung zur Selbstbedienung dar.132 Dieses Dilemma kommt auch in einer Reihe von Interviews zum Ausdruck, wobei das Gefühl, eventuell etwas Unrechtes getan zu haben, unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Die meisten verweisen darauf, Plünderungen im großen Maßstab höchstens bei Kameraden oder Vorgesetzten beobachtet, sich selbst aber nicht daran beteiligt zu haben. Maximal hätten sie ihren Verwandten Pa- kete mit Gebrauchsgegenständen geschickt, was allerdings nicht als Resultat von Plünderungen gewertet wird. Oder sie hätten sich Alkohol und Lebens- mittel einfach genommen. „Wir sahen das nicht als Diebstahl, sondern dass wir 130 OHI, Temnenko. 131 Ebd. Einen ähnlichen Fall schildert auch Boris Zajcev. Vgl. OHI, Zajcev. 132 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.3.1 „Pakete: die indirekte Aufforderung zur Selbstbedienung“ in diesem Band.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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