Seite - 728 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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III. Formen der
Erinnerung728
ein Anrecht darauf haben“,133 meint einer der Veteranen. Die Pakete aus Öster-
reich stellten – wie auch jene aus Deutschland – neben den dürftigen Lohnein-
künften der Rotarmisten eine wichtige Versorgungsquelle für die Familie in
der Sowjetunion dar. Repräsentative Beutestücke waren ebenso begehrt wie
selten gewordene Genussmittel und einfache Alltagsgegenstände.134
Nina Bubnova, die in Österreich ihr erstes Kind auf die Welt brachte, be-
tont bezeichnenderweise die unmittelbare Verbindung zwischen Plünde-
rungen und Paketsendungen. Beinahe schwingt Bedauern mit, nicht mehr
davon Gebrauch gemacht zu haben: „Mein Mann war sehr bescheiden. Wir
nahmen fast nichts. Die Burschen bringen etwas: ‚Genosse Major, schicken
Sie doch wenigstens ein Paket nach Hause!‘ Ich nahm auch ein wenig mit.
Einmal schickte er ein Paket nach Hause. Und wir schickten. Damals war das
ja erlaubt. Im großen Maßstab erlaubt. Und wie viel Material [es gab]. Und,
wissen Sie, ich erinnere mich jetzt gerade, dass das etwas wild war.“135
Abgesehen von der Schwierigkeit, in der Sowjetunion Dinge des alltäg-
lichen Bedarfes kaufen zu können, erinnert sie sich auch an die ungleich
bessere Qualität österreichischer Produkte: „Und dort [in Österreich] waren
auch die Kinderwagen besser. Wir hatten einen einfachen [sowjetischen]
Kinderwagen. Ich habe ihn mit Stoff eingenäht. Nähte, damit er wenigstens
[…] Dort wurden sie toll gemacht, dort, sie hatten die unterschiedlichsten
Mechanismen.“136
Ohne Übergang kommt Bubnova auf zwei weitere Aspekte von Plünde-
rungen zu sprechen: Einerseits die Revanche für vergleichbares Verhalten
deutscher Soldaten in der Sowjetunion, andererseits die – häufig erfolglosen
– Versuche der österreichischen Bevölkerung, Gegenstände zu verstecken:
„Man erinnert sich: ‚Ihr bei uns – wir bei euch.‘ […] Und Löcher haben sie
gegraben! […] Sie haben auch Sachen versteckt, als wir marschierten. Und die
Deutschen gingen, und wir gingen. Ihren Plunder. Aber das ist so eine Bande,
vor der man nichts verstecken kann.“137
Auch andere Interviewpartner führen als Grund, weswegen sie etwas
„genommen“ hätten, die Erlaubnis an, Pakete in die Heimat zu schicken und
damit ihren Angehörigen materiell helfen zu können. Stoffe und Kleidungs-
133 OHI, Van’kov.
134 Elke Scherstjanoi, „Wir sind in der Höhle der Bestie.“ Die Briefkommunikation von Rotarmisten mit
der Heimat über ihre Erlebnisse in Deutschland, in: Elke Scherstjanoi (Hg.), Rotarmisten schreiben
aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen. Texte und Materialien zur
Zeitgeschichte. Bd. 14. München 2004, S. 194–230, hier: S. 211.
135 OHI, Bubnova.
136 Ebd.
137 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918