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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 729
stücke waren besonders beliebt.138 Falls allerdings jemand gegen das mehr
oder weniger offiziell vereinbarte Reglement verstieß, zog dies schwere Stra-
fen nach sich. Jakov Dubovikov, 1916 im Gebiet Orlov geboren, erinnert sich
etwa, seiner Frau Stoffe geschickt zu haben: „Wir nahmen Trophäen, aber
nahmen sie organisiert, nicht einfach das, was einem untergekommen ist.
Als wir in Ungarn einmarschierten, wurde der Stalin-Erlass verlautbart, dass
jeder Soldat und Offizier ein Paket nach Hause schicken durfte. Und diese
Pakete wurden aus Trophäen zusammengestellt. […] Wir nahmen in erster
Linie Textilien, die sind weniger sperrig, verstehen Sie. Zum Beispiel ließ ich
die Ordonnanz kommen, er brachte so einen Ballen mit etwa acht Kilogramm
Trikot. Wir schlugen ihn in ein weißes Tuch ein, nähten es zu, schrieben die
Adresse drauf und schickten ihn der Ehefrau nach Moskau. So machten es
auch alle anderen. Es gab Fälle, in denen einzelne Leute dagegen verstießen.
Sie wurden streng zur Verantwortung gezogen.139 Dubovikovs folgende
Schilderung eines Obersten, der einen Pullmanwagen mit Möbeln und 60 Ki-
logramm Chrom in die Sowjetunion habe transferieren wollen, was er jedoch
in seiner Funktion als Sekretär der Parteikommission verhindert habe, soll
anscheinend zur Relativierung der eigenen Vorgehensweise dienen.
In ähnlicher Weise rechtfertigt Arcinovič sein damaliges Verhalten. Auch
er verweist auf die Erlaubnis des Paketversandes, die schlechte materielle
Versorgung in der Heimat („Wir haben nichts. Alles ist zerstört.“) und die
Bereicherungen von Vorgesetzten. Als weitere Legitimation dient der Hin-
weis, Nationalsozialisten seien die ehemaligen Eigentümer gewesen, und
vieles sei ursprünglich aus Russland und der Ukraine nach Österreich ver-
schleppt worden: „Plünderungen? Wahrscheinlich hat es sie gegeben. Aber
welchen Charakter haben sie gehabt? Wenn wir beispielsweise eine Leder-
fabrik einnahmen, griffen wir natürlich zu. Wenn in Wien in irgendeinem
Haus ein Weinlager entdeckt wurde, nahmen wir diesen Wein. Einfach so,
ohne irgendein Getue. Was hätte man sonst tun können? Einen Teil schickten
wir [nach Hause]. Fünf Kilogramm pro Monat waren uns erlaubt. Ich wuss-
te, dass zu Hause die Eltern überhaupt keine Kleider hatten, und schickte
Stoff, Schuhe. In einem zerstörten Haus in einem Wiener Vorort fand ich eine
Schachtel mit Schuhen und Kleidung, die ich teilweise nahm. Was meinen
Sie, ist das Diebstahl oder nicht Diebstahl? Und als wir von Österreich abfuh-
ren, führte der Kommandeur drei Waggons aus. Mit den unterschiedlichsten
Dingen: ein Pianino, ein Klavier etc. Und woher? Wahrscheinlich gab es eige-
ne Trophäenkommandos, die dort Sachen nahmen. Aus irgendwelchen Häu-
138 OHI, Igor’ Reformackij. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Moskau 26.11.2002.
139 OHI, Jakov Dubovikov. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 12.6.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918