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III. Formen der
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sern, vielleicht von reichen, geflohenen Nazis.“140 Auch der ehemalige Rotar-
mist Barančikov findet nichts Anstößiges an seinem „Beuteakkordeon“, das
ihm Kameraden brachten. Sie hätten eine Fabrik „befreit“, wo „die Deutschen
alles liegen ließen, weggingen, in die Luft sprengten“, erinnert er sich. Auf
die Frage, ob es offiziell erlaubt war, Trophäen mitzunehmen, antwortet er,
die Stücke wären sonst ohnehin verloren gegangen: „Aber warum denn? Al-
les brennt, alles fliegt in die Luft, alles geht verloren. Wenn das keiner nimmt,
verbrennt es ebenfalls. Besonders, wenn die Deutschen abziehen, sie haben
auch alles gesprengt, verbrannt.“ Etwas irritiert reagiert der Veteran auf die
Frage, ob dies auch in Österreich der Fall war: „Das war ja in Österreich. Dort
sind ja Deutsche. Ja, das ist das Gleiche. Also, dieses Akkordeon brachten mir
die Kameraden. Sie wussten, dass ich spielen kann. Und ich spielte darauf.
Vor Kurzem ließ ich es reparieren. Es sind schon 60 Jahre seitdem vergan-
gen. Aber ich spiele auf ihm.“141 Das weiße Akkordeon dient ihm bis heute als
wertvolles Erinnerungsstück an das Kriegsende in Österreich.
Zur Versorgung der Familie in der Sowjetunion mittels Paketsendungen
kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Die Militärangehörigen konnten, zu-
mindest laut der Aussage einiger Interviewpartner, nicht mit leeren Händen
nach Hause kommen. Isaak Taflja erwähnt etwa, in dem Haus, in dem sie
vorübergehend einquartiert waren, einen ganzen Raum mit Koffern vorge-
funden zu haben, in denen die Hausleute diverse Gegenstände verstaut hät-
ten: „Uns interessierte das nicht. Allerdings: Wir hatten einen Kommandeur,
Svistunov, ich erinnere mich an den Nachnamen, er bekam Urlaub und kam
zu uns: ‚Genossen Offiziere, erlauben Sie mir, zumindest einen Koffer zu neh-
men. Ich fahre nach Sibirien.‘ Er war aus Sibirien. ‚Ich muss zumindest ir-
gendetwas mitbringen.‘ – ‚Nimm!‘ Dort war nicht einmal abgesperrt. ‚Nimm
einen dort.‘“142
Auf die Erwartungshaltung von Familienmitgliedern143 kommt auch Ivan
Roščin zu sprechen, wobei der Kommunist und damalige Mitarbeiter der Po-
litabteilung sein eigenes vorbildliches Verhalten hervorhebt: „Ich hatte keine
140 OHI, Arcinovič.
141 OHI, Barančikov.
142 OHI, Taflja.
143 Auch in den Briefen von Rotarmisten aus Deutschland findet sich mehrfach der Hinweis, dass An-
gehörige von ihnen die Übersendung von „Beute“ erwarteten. So klagt etwa ein Obersergeant im
Brief an seine Frau im März 1945: „Ich habe dir schon geschrieben, dass ich euch damit [mit ‚Erbeu-
tetem‘] nicht helfen kann, weil ich ein sehr schlechter ‚Beutejäger‘ oder richtiger: überhaupt keiner
bin. Allerdings habe ich euch einiges geschickt, aber das dank meiner Freunde, von denen zum
heutigen Tage nur noch wenige übriggeblieben sind.“ Zit. nach: Elke Scherstjanoi (Hg.), Rotarmis-
ten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen. Texte und
Materialien zur Zeitgeschichte. Bd. 14. München 2004, S. 85.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918