Seite - 731 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 731 -
Text der Seite - 731 -
2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 731
Trophäen! […] Nichts. Ich fuhr ab. Meine Verwandten sagen: ‚Hör zu, Ivan,
wieso kommst du ohne Trophäen? Kuz’ma kam, er schleppte herbei.‘ Nun,
jedem das Seine.“144 In diesem Zusammenhang erwähnt er zudem das in
seinen Augen mustergültige Vorgehen des späteren Außenministers Dmit-
rij Šepilov: „Šepilov war ein echter Kommunist, ich sage es geradeaus. Dort
wurde eine große Menge toller Jagdwaffen erobert. Er befahl: ‚Alles als Ein-
nahme verbuchen und in die [Sowjet-]Union transportieren! Das bewerten
wir als Volksgut!‘ So ein Mensch war er. Und natürlich war er auch ein Vor-
bild für seine Untergebenen. Ein sehr gebildeter Mensch! Er war ein echter
Außenminister!“145
Der damalige Oberleutnant Ivan Uvarov, 1922 im Gebiet Moskau geboren,
meint hingegen, dass auf der Post gestohlen wurde, weswegen seine Schwes-
ter ein Paket mit nichts als alten, geflickten Stiefeln erhielt, was ihm sehr un-
angenehm war: „Kurz gesagt, das Paket war ausgeraubt. Und mir war das
sehr unangenehm. Ich bewies ihr erst später, dass ich ihr so etwas einfach
nicht schicken konnte.“146
Bezeichnenderweise unterstreichen auch weitere Veteranen, selbst keine
Beutegüter genommen, dies aber bei anderen beobachtet zu haben. Evgenij
Obolenskij differenziert etwa zwischen der kämpfenden Truppe und dem
Tross, den er mit Schakalen vergleicht: „Wir waren damals sozusagen noch
nicht daran gewöhnt – ans Marodieren. Nicht gewöhnt. Wir waren gewöhnt,
zu kämpfen, nicht zu stehlen. So, deswegen hatten wir so eine Einstellung.
Unter denen, die kämpften, gab es keine Marodeure. Denn […] für sie war al-
les fürchterlich: sie können beim Kämpfen verletzt oder getötet werden. […]
Die, die hinter uns kamen, die bereits sozusagen hinter uns waren, als wir
weitergingen, diese Marodeure, Schakale, stahlen, taten etwas mit der Bevöl-
kerung, wie man sagt, aber die kämpfenden Truppen, sie waren gegenüber
der Bevölkerung sehr loyal.“147 Auf der anderen Seite meint auch er, dass die
Kameraden beispielsweise eine schöne Tasse, die sie in einer leer stehenden
Wohnung vorfanden, durchaus mitgenommen, allerdings keine Wohnung
„leer geräumt“ hätten.148
Ein weiteres Beispiel dafür sind die Schilderungen von Valentina Kurilina,
1922 im Gebiet Kursk geboren, die im April 1945 als Garde-Untersergeant
der Nachrichtentruppen des 21. Garde-Schützenkorps nach Wien kam: „Es
wurde uns gesagt, dass wir uns normal verhalten mussten. Nichts nehmen
144 OHI, Roščin.
145 Ebd.
146 OHI, Uvarov.
147 OHI, Obolenskij.
148 Ebd.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918