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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 737
Valentina Kurilina verweist ebenfalls auf die Disziplin. Gleichzeitig ver-
sucht sie, eine Entschuldigung für das sexuelle Verlangen ihrer männlichen
Kameraden zu finden: „Es gab Disziplin. Es wurde bestraft. […] Der Krieg
war zu Ende, zu Ende. Hier, wissen Sie, entspannten sich alle. Und, wissen
Sie, vier Jahre ohne Frau, sie fanden sich Frauen, vielleicht Frauen, die auch
ohne Männer waren. Sie kamen zusammen. Sie wurden gewarnt: ‚Schaut,
dass es keine Beschwerden gibt. Wenn Beschwerden von Frauen kommen,
dass ihr mit ihnen in engen Verhältnissen [lebt], und sie werden etwas for-
dern, dann wird euch nichts Gutes erwarten.‘“167 Übergriffe, betont auch die
1922 geborene Veteranin, habe es keine gegeben: „Nein, nein, nein! Das gab
es nicht. Ich sage Ihnen, dass sie sich sehr gut verhielten: Die Frauen selbst
liebten unsere Offiziere und Soldaten. Sie schwärmten für sie und tanzten auf
der Straße. Nein, nein, es gab keine Exzesse.“168
Den Unterschied zwischen Österreich und Ungarn hebt auch Jakov Dubo-
vikov hervor: „Vergewaltigungen, wissen Sie, in Österreich weiß ich nichts
von derartigen Fällen, bemerkte nichts. In Ungarn gab es diese Fälle. Gab sie,
gab sie. In Ungarn gab es diese Fälle. Ich weiß nicht, ob man das sagen kann
[wenn die Kamera läuft]. Ein Zug wurde aus der Gliederung ‚Gonorrhö‘ zu-
sammengestellt. Die Leute entfernten sich unerlaubt, trafen sich mit zufälli-
gen Frauen und steckten sich an. Es wurden alle Maßnahmen getroffen, um
das zu unterbinden. Jeden Tag melden sich 30 Personen, man kann sie nicht
als Soldaten zählen, sie sind bereits nicht mehr in der Lage. Die Sache ging bis
zum Militärrat der Armee.“169
Beinahe zynisch mutet der diesbezügliche Kommentar von Aleksandr
Orlov an, der meinte, dass die Verwundeten und Toten keine Übergriffe
machen konnten. Der Veteran konkretisiert gleichfalls keinen der Vorfälle,
bestreitet aber auch nicht, dass es sie gab. „Nicht alle [Soldaten] waren Bar-
baren. Dort gab es 30.000 Verletzte – ihnen war nicht danach. 102.000 Tote
– ihnen war umso mehr nicht danach. [...] Deswegen wird das überbewertet.
Obwohl es natürlich, wie in jeder Armee, in jedem Krieg, diese Fälle gibt.
Es gibt Vergewaltigungen, natürlich, aber das ist verallgemeinernd. Und bei
uns etwa, wie viele gab es? Wir gingen durch Ungarn. Aber das war so ein
Volk – böse. Und es gab Böses ihnen gegenüber, und alles. Aber nicht bei uns.
Obwohl, wahrscheinlich gab es diese Fälle, natürlich gab es sie. Wenn man
die Militärstaatsanwaltschaft nimmt, dort gibt es wahrscheinlich Akten.“170
167 OHI, Kurilina. Durchgeführt von Stelzl-Marx.
168 OHI, Valentina Kurilina. Durchgeführt von Sergej Drobjasko. Moskau 29.11.2002.
169 OHI, Dubovikov.
170 OHI, Orlov. Durchgeführt von Bakši.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918