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III. Formen der
Erinnerung738
Wie die angeführten Beispiele zeigen, zählen Übergriffe sowjetischer Sol-
daten zu den am meisten belasteten und tabuisierten Themen. Immerhin im-
pliziert das Äußern von Erinnerungen an lebensgeschichtliche Erfahrungen
und Erlebnisse immer auch eine Wertung, wenngleich retrospektiv.171 Zwi-
schen „Quelle“ und Forscher treten Wechselwirkungen auf.172 Die biografi-
sche Erinnerung beruht stets auf sozialer Interaktion.173 Dies schließt zugleich
ein, dass der Interviewpartner auf mögliche Wertungen durch den Interview-
er – und den potenziellen Rezipienten – reagiert und etwaige negative Beur-
teilungen durch das Aussparen heikler Themen möglichst vermeiden möch-
te. Einige Zeitzeugen wollten daher negativ konnotierte Erlebnisse nicht vor
laufender Kamera wiedergeben, andere wichen ihnen nach Möglichkeit aus.
Positive und negative Erinnerungen haben nicht nur ein unterschiedliches
Gewicht, auch die momentane (Gefühls-)Lage des Gesprächspartners wirkt
sich auf die Wiedergabe der Erinnerungen aus. Dies bedeutet einen „perma-
nenten sozialen Prozess“.174 Weiters sind „Selektivität und Perspektivität des
Gedächtnisses“ zu bedenken. Schließlich meint das Langzeitgedächtnis jenes
zu nutzende Erinnern, das sich, nach einem eher raschen Vergessen innerhalb
weniger Wochen oder Monate, stabilisiert und selbst noch nach Jahrzehnten
verlässlich abrufbar ist.175 Speziell autobiografische Erinnerungen sind retros-
pektive Konstrukte, die häufig weniger mit der vergangenen Wirklichkeit zu
tun haben als mit dem Hier und Jetzt der Interviewsituation.176
171 Frieder Stöckle, Zum praktischen Umgang mit Oral History, in: Herwart Vorländer (Hg.), Oral His-
tory. Mündlich erfragte Geschichte. Göttingen 1990, S. 131–158, hier: S. 147.
172 Helmut Konrad, Neue Wege in Forschung und Vermittlung von Geschichte, in: Hubert Ch. Ehalt
(Hg.), Geschichte von unten. Fragestellungen, Methoden und Projekte einer Geschichte des Alltags.
Wien – Köln – Graz 1984, S. 41–58, hier: S. 49.
173 Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen
Hochkulturen. 4. Aufl. München 2002, S. 52.
174 Gerhard Botz, Oral History – Wert, Probleme, Möglichkeiten der Mündlichen Geschichte, in: Ger-
hard Botz – Josef Weidenholzer (Hg.), Mündliche Geschichte und Arbeiterbewegung. Materialien
zur Historischen Sozialwissenschaft. Wien – Köln 1984, S. 23–37, hier: S. 27.
175 Ebd.
176 Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart – Weimar
2005, S. 51.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918