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3. Schriftliche Zeugnisse 743
Jahre nach seinem Entstehen. Es dürfte der sonst so verbreiteten „Schablo-
nenhaftigkeit“ zu wenig entsprochen haben.
3.1.1 „Die ersten Tage in Europa“
Im Gegensatz zur offiziösen Autobiografie Savenoks beschreibt Sluckij das
große Interesse, das die sowjetischen Militärangehörigen Europa entgegen-
brachten: „Die Grenze überschritten wir im August 1944. Für uns war es [Eu-
ropa] deutlich und natürlich – Europa begann eineinhalb Kilometer hinter
der Donau. […] Aus den Autos, aus den Fenstern der Lastwagen schauten
neugierig unsere Frauen – gemästete PPŽ [Feldehefrauen] und Telefonistin-
nen mit lieben, jungen Gesichtern, in sauberen, vom Waschen weiß geworde-
nen Feldblusen mit einem leichten Geruch einer längst vergangenen grünen
Farbe. […] Und wir gehen über die hervorragende rumänische Straße, die mit
einem weißen, derartig feinen Staub bedeckt war, dass er innerhalb von zehn
Schritten den russischen Schmutz von den Stiefeln wegspülte.“198
In Österreich, Deutschland und anderen befreiten Ländern verspürten die
Rotarmisten ein gefährliches Gefühl von Freiheit, das Sluckij anspricht: „Alle
Berichte aus der Zeit des ausländischen Feldzugs berücksichtigen sorgfältig
den umgekehrten Einfluss von Europa auf den russischen Soldaten. Es war
sehr wichtig zu wissen, womit ‚unsere Leute‘ in die Heimat zurückkehren
würden: mit athenischem Stolz auf ihr Land oder mit einem verdrehten De-
kabrismus, mit einem empirischen und politischen Westlertum?“199
Die stalinistische Angst vor einem neuen Dekabrismus war nicht unbe-
gründet. Allein der offensichtliche materielle Reichtum in den besiegten Län-
dern untergrub die sowjetische Propaganda von der Überlegenheit des kom-
munistischen Regimes. Sluckij geht mehrfach auf dieses Phänomen ein. Die
Soldaten konzentrierten sich auf die „vorgestellten und tatsächlichen Vorzü-
ge des europäischen Lebens. Ein spezielles Flugblatt widmete sich der Ge-
genüberstellung eines ungarischen Dorfes mit dem Kolchosesystem. Einige
unserer Soldaten desertierten, insbesondere ehemalige Kriegsgefangene. Die
Deserteure versuchten, mit neuen Ehefrauen sesshaft zu werden.“200 Allein
die Tatsache, dass sich Fabriken im Privateigentum befanden, verwunderte
die Rotarmisten, so der Autor.201
Indirekt thematisiert Sluckij dabei auch das Minderwertigkeitsgefühl, das
sich teilweise unter den Soldaten breitmachte. Gegenüber den Ausländern
198 Sluckij, O drugich i o sebe, S. 43.
199 Ebd., S. 35.
200 Ebd.
201 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918