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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Seite - 743 -
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3. Schriftliche Zeugnisse 743 Jahre nach seinem Entstehen. Es dürfte der sonst so verbreiteten „Schablo- nenhaftigkeit“ zu wenig entsprochen haben. 3.1.1 „Die ersten Tage in Europa“ Im Gegensatz zur offiziösen Autobiografie Savenoks beschreibt Sluckij das große Interesse, das die sowjetischen Militärangehörigen Europa entgegen- brachten: „Die Grenze überschritten wir im August 1944. Für uns war es [Eu- ropa] deutlich und natürlich – Europa begann eineinhalb Kilometer hinter der Donau. […] Aus den Autos, aus den Fenstern der Lastwagen schauten neugierig unsere Frauen – gemästete PPŽ [Feldehefrauen] und Telefonistin- nen mit lieben, jungen Gesichtern, in sauberen, vom Waschen weiß geworde- nen Feldblusen mit einem leichten Geruch einer längst vergangenen grünen Farbe. […] Und wir gehen über die hervorragende rumänische Straße, die mit einem weißen, derartig feinen Staub bedeckt war, dass er innerhalb von zehn Schritten den russischen Schmutz von den Stiefeln wegspülte.“198 In Österreich, Deutschland und anderen befreiten Ländern verspürten die Rotarmisten ein gefährliches Gefühl von Freiheit, das Sluckij anspricht: „Alle Berichte aus der Zeit des ausländischen Feldzugs berücksichtigen sorgfältig den umgekehrten Einfluss von Europa auf den russischen Soldaten. Es war sehr wichtig zu wissen, womit ‚unsere Leute‘ in die Heimat zurückkehren würden: mit athenischem Stolz auf ihr Land oder mit einem verdrehten De- kabrismus, mit einem empirischen und politischen Westlertum?“199 Die stalinistische Angst vor einem neuen Dekabrismus war nicht unbe- gründet. Allein der offensichtliche materielle Reichtum in den besiegten Län- dern untergrub die sowjetische Propaganda von der Überlegenheit des kom- munistischen Regimes. Sluckij geht mehrfach auf dieses Phänomen ein. Die Soldaten konzentrierten sich auf die „vorgestellten und tatsächlichen Vorzü- ge des europäischen Lebens. Ein spezielles Flugblatt widmete sich der Ge- genüberstellung eines ungarischen Dorfes mit dem Kolchosesystem. Einige unserer Soldaten desertierten, insbesondere ehemalige Kriegsgefangene. Die Deserteure versuchten, mit neuen Ehefrauen sesshaft zu werden.“200 Allein die Tatsache, dass sich Fabriken im Privateigentum befanden, verwunderte die Rotarmisten, so der Autor.201 Indirekt thematisiert Sluckij dabei auch das Minderwertigkeitsgefühl, das sich teilweise unter den Soldaten breitmachte. Gegenüber den Ausländern 198 Sluckij, O drugich i o sebe, S. 43. 199 Ebd., S. 35. 200 Ebd. 201 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Stalins Soldaten in Österreich
Untertitel
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Autor
Barbara Stelzl-Marx
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
874
Kategorien
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